Interview: Nika
Du hast erzählt, dass du als Kind ständig Tiere gezeichnet hast, dich dann durch Character Design und Grafikdesign gearbeitet hast, bis du bei deinem heutigen, bewusst reduzierten und „derpy“ Stil gelandet bist. Was war der Punkt, an dem du gemerkt hast: Das ist meine Sprache?
Obwohl ich als Kind ständig Tiere gezeichnet habe, waren meine Motive während meiner Studienzeit und auch lange danach eher menschliche Charaktere. Ich habe ihnen aber oft einen tierischen Begleiter mitgegeben. Der Wendepunkt, an dem ich gemerkt habe, dass es eigentlich vor allem die Tiere sind, die mir beim Zeichnen am meisten Freude bereiten, kam während der „Animal Adventure Week“, bei der man sieben Tage lang jeden Tag ein Tier zeichnet. Das müsste so 2021 gewesen sein. Ich bin während der Challenge richtig aufgeblüht und hatte plötzlich richtig Lust, den Fokus im Character Design auf Tiere zu legen. Dann, eines Tages, hatte ich eine super seltsame Begegnung — ich habe einen Wellensittich gesehen, der auf einer Taube reitet. Ja, wirklich, richtig absurd. Das war, glaube ich, der Punkt, an dem der Humor und die Bildsprache von mohiiri entstanden sind. Ich habe die Szene mit Aquarell auf eine Geburtstagskarte gemalt und diese meinem Bruder zum Geburtstag geschenkt. Die Taube ging mir aber nicht mehr aus dem Kopf. Ich habe das Motiv dann noch einmal digital ausgearbeitet, und so sind die erste Taube und auch der allererste Sticker von mohiiri entstanden! Kleiner Funfact: Die Tauben auf dem Cover sind von genau dieser Story inspiriert!

Bevor mohiiri und der Shop im Fokus standen, warst du als Prop- und Character-Designerin bei SERU Film tätig — unter anderem für die KiKA-Serie „Petronella Apfelmus“ und den Animationsfilm „Meine Chaosfee & ich“. Was hast du aus dieser Arbeit mitgenommen, das heute noch in deinen Illustrationen steckt?
Ich glaube, jedes Projekt gibt einem unterbewusst etwas Neues mit auf den Weg. Bei den beiden genannten Produktionen habe ich vor allem gelernt, den „kritischen“ Blick zu schulen. Gerade im Animationsbereich gibt es mehrere Iterationen eines Designs, bevor das finale Design feststeht. Auch Linienstärken werden genauestens beachtet und überprüft, ebenso, ob ein Charakter aus allen Blickwinkeln konsequent gleich aussieht. Das hat mich vor allem Geduld gelehrt und mir geholfen, über meine Ideen hinauszuwachsen, indem ich immer weiter iteriere, bis ich mit dem Design zufrieden bin. Ich lande selten beim ersten Design, das ich zeichne. Meine Charaktere sehen simpel aus, aber bis ich zu genau dieser „Shape“ komme, liegen mehrere Versionen dazwischen! Teilweise sind es minimale Veränderungen, die anderen vielleicht kaum auffallen, aber ich feile an einem Design, bis ich die für mich perfekte Form gefunden habe. Ich bin dabei sehr präzise, kann aber auch manchmal in den Perfektionismus rutschen. Da muss man aufpassen.
Neben den beiden genannten Produktionen konnte ich vor allem durch die Serie „My Very Hairy Alphabet“ meinen Stil noch weiterentwickeln. Die Serie bringt Kindern das Alphabet mit absurd lustig aussehenden Charakteren und Gegenständen bei, die sehr texturiert und gleichzeitig simpel gezeichnet sind. Ich hatte zwar schon vorher viel mit Texturen gearbeitet, aber dort habe ich einige neue Techniken gelernt, die ich noch heute in meinen Illustrationen nutze und teilweise sogar weiterentwickelt habe.

Als Geschmacksreferenzen nennst du unter anderem Kubo and the Two Strings, Tekkonkinkreet, Pan’s Labyrinth und die Filme von Cartoon Saloon — also eher dunkel-verspielte, literarische Bildwelten. Wie viel von dieser Seite steckt eigentlich in den Tieren, die du für mohiiri zeichnest?
Ich liebe Stop-Motion wie in „Kubo and the Two Strings“! Wenn ich noch einmal in einem ganz anderen Bereich der Animation arbeiten könnte, wäre es vermutlich in diesem. Ich liebe alles, was nach „Miniatur“ aussieht. Mich fasziniert z. B., wie die Maschen oder Texturen eines Pullis plötzlich riesig aussehen, weil der Pulli in Wirklichkeit winzig klein ist! Ich denke, ich bin generell einfach von Texturen fasziniert, weshalb ich sie so viel in meiner eigenen Kunst verwende. Ich liebe auch Filztechniken und will sie unbedingt noch ausprobieren. Vielleicht gibt es ja irgendwann mohiiri-Filztiere ;) Cartoon Saloon zieht sich bei mir schon sehr lange als Inspiration durch, angefangen mit dem Film „The Secret of Kells“. Ich liebe die Formensprache des Animationsstudios. Generell liebe ich einfach „simple, aber bewusst gewählte Formen“ — darum liebe ich auch Grafikdesign! Wenn Grafikdesign ein Film wäre, wäre es wahrscheinlich ein Film von Cartoon Saloon! Zum Thema „dunkle“ Geschmacksreferenzen: Ich glaube, das liegt daran, dass ich auch super gerne Horrorfilme mag. Wenn es ein Filmabend wird, ist es bei mir sehr oft ein Horrorfilm. Das ist das komplette Gegenteil von dem, was ich mache. Aber vielleicht genieße ich sie gerade deshalb so, weil sie mich nicht an die Arbeit erinnern, haha.
Du hast gesagt, das Kinderbuch sei am Ende die Wurzel von allem, was du machst — und dass du gerade auch nach Kinderbuchverlagen schaust. Magst du uns darüber mehr erzählen?
Ich liebe die humorvolle Art und Weise, wie Kinderbuch-Charaktere und ihre Geschichten dargestellt werden. Ich finde, Kinderbücher müssen nicht nur für Kinder sein. Für mich sind sie wie Artbooks, die eine Story erzählen. Ich liebe vor allem den Humor von Jon Klassen, der sich einfach sehr mit dem Humor überschneidet, den ich mit mohiiri erzählen möchte. Er zeigt oft dieselbe Zeichnung und verändert meist nur eine Kleinigkeit im Bild, und trotzdem erzählt jede Seite eine andere Geschichte. Das ist auch die Form der Absurdität, die sich perfekt in Kinderbüchern erzählen lässt. Ich plane derzeit ein Kinderbuch mit meinem Huhn-Charakter, habe aber auch schon eine Geschichte über Katzen gescriptet und eine grobe Idee zu meiner Partytaube. Ich fände es mega cool, wenn ich irgendwann ein Buch zu jedem Tier hätte!

Auf Behance gibt’s dein Projekt „Pigeon Party Pattern“. Wie bist du eigentlich zur Taube als Motiv gekommen, und was macht sie für dich interessanter als andere Tiere, die du zeichnest?
Ich mochte schon immer gerne Vögel. Das hat damals mit einer meiner Besten angefangen, die immer Nymphensittiche hatte! Schon damals haben wir immer nach „Bird-Merch“ Ausschau gehalten. Ich denke, das hat nie aufgehört, und ich glaube, darum habe ich auch so viele „Nischen-Vogel-Produkte“ in meinem Sortiment, denn früher war es immer schwer, Stationery mit Vögeln drauf zu finden. Vor allem mit Tauben!
Die Liebe speziell zu Tauben hat, denke ich, viel mit der Geschichte aus der ersten Frage zu tun. Aber ich habe auch schon immer gerne Tauben fotografiert. Ich mag irgendwie, dass es Tiere sind, die im Alltag übersehen oder nicht beachtet werden, weil sie als so normal gelten. Das macht sie für mich besonders, denn sie sind trotzdem unglaublich süß! Ich liebe ihre liebevollen Augen, wenn sie blinzeln oder sich entspannen. Und generell sind sie einfach so derpy in allem, was sie tun, obwohl sie eigentlich sehr, sehr schlaue Tiere sind! Ich glaube, wäre ich ein Tier, könnte ich eine Taube sein. Vielleicht auch, weil ich schon zur Schulzeit unterschätzt und immer nur als „verpeilt“ abgestempelt wurde. Später habe ich dann erfahren, dass die „Verpeiltheit“ einfach mein ADHS ist, haha. Aber vielleicht ist es gerade das, was mir hilft, die Details im Alltag und im Verhalten der Tiere so genau zu beobachten! Mein Partner meinte einmal zu mir, würde er mich nicht kennen, würde er vermutlich nie so genau auf die Tauben um ihn herum achten. Mittlerweile schickt er mir öfter Videos von Tauben, die er unterwegs trifft. Das wünsche ich mir für die Tauben: dass sie nicht mehr mit Schmutz und Pest in Verbindung gebracht werden. Denn schließlich haben wir Menschen die Tauben überhaupt erst in die Städte gebracht!
Mit mohiiri hast du ja schon fast ein komplettes Sortiment an dem, was wir uns für unseren Spendenmarathon wünschen — Sticker, Pins, Prints, Notizbücher, sogar ein „Pigeon Sketchbook“ gibt’s bei dir schon. Was verändert sich für dich, wenn eine Illustration nicht mehr nur ein Bild ist, sondern ein Objekt, das jemand im Alltag benutzt?
Ich liebe es, die Produkte in der Hand zu haben und zu wissen: Das habe ich gemacht, von Anfang bis Ende. Ich denke, gerade in Zeiten von KI ist das etwas ganz Besonderes. Und ich hoffe, dass die Menschheit dadurch zukünftig Handwerk noch mehr wertschätzen lernt! Ich möchte, dass Menschen meine Produkte sehen und einen kleinen Serotonin-Kick bekommen, haha. Daher kommt übrigens auch mein begleitender Slogan „friend-shaped animals“, weil sie kleine Begleiter für den Alltag sind und ihre runden Formen einfach friend-shapes sind!
Neben dem Etsy-Shop machst du auch Siebdruck und stehst mit mohiiri auf Conventions — dieses Jahr unter anderem noch auf der Polaris und der Comic Con. Was gibt dir dieser direkte, physische Kontakt mit Leuten, den ein Online-Shop nicht bieten kann?
Ich liebe es, wenn jemand an meinem Stand vorbeiläuft und plötzlich anfängt zu grinsen. Man sieht richtig, wie es kurz „klick“ macht: Die Leute erkennen das Tier sofort, aber gleichzeitig auch, wie absurd ich es dargestellt habe. Genau diesen Moment liebe ich. Ich übertreibe gerne die spezifischen Formen, die ein Tier ausmachen. Eine Kuh ist für mich zum Beispiel eigentlich ein Rechteck. Das hilft mir sehr, die Tiere so humorvoll zu zeichnen. Meine Texturen sind im Vergleich zur Form teilweise eher realistisch gehalten, wie z. B. bei der Illustration meiner Robbe. Ich denke, das macht meine Designs zu dem, was sie sind. Ich hatte auch schon Kund*innen, die die Robbe mit dem Argument gekauft haben: „Sie macht mich einfach so glücklich, ich muss sie haben.“ Das sind die Interaktionen, die ich auf Conventions so liebe! Vor Ort haben auch so viele Leute gesagt, dass meine Designs „friend-shaped“ aussehen, dass es schleichend zu meinem Brand-Slogan wurde!

Wenn Leser*innen jetzt zum ersten Mal bei mohiiri vorbeischauen — wo sollten sie anfangen, und was können sie in nächster Zeit von dir erwarten?
In meinem Online-Shop gibt’s jede Menge Produkte mit runden Tieren! Wer noch mehr davon möchte oder ihre Welt sehen will, kann mir gerne auf Instagram folgen (@mohiiri). Dort ist mohiiri mittlerweile nicht nur ein Produkt, sondern eine ganze „Welt“ — eine Welt der runden Tiere! Ob die Designs immer 100 % rund sein werden, kann ich noch nicht sagen, aber ich gebe mein Bestes, sie immer möglichst rund zu gestalten, haha. Zukünftig möchte ich neben Tieren auch kleinere cozy Gegenstände oder andere Naturelemente reinbringen, z. B. Brötchen, Brote und Brezeln oder verschiedene Pilze. Manche dieser Elemente habe ich schon in meinen Illustrationen drin. Ich denke aber meist in „Kollektionen“, wenn ich etwas für mohiiri entwerfe, darum kann ich mir vorstellen, dass sie auch ihre eigene kleine Bühne bekommen. Ich habe vor Kurzem ein Set mit Mini-Vogel-Magneten entworfen; da möchte ich z. B. noch ein Brot-Magnet-Set machen, eventuell auch kleine Desserts. Ich mag es, wenn sich alles miteinander kombinieren lässt!
Nika (Dominika Rensch) ist Illustratorin und Character-Designerin aus Karlsruhe mit Fokus auf Tierdesigns. Ihre Bildsprache ist geprägt von klaren, schlichten Formen, detailreichen Texturen und einem ausgeprägten Sinn für Humor. Ihre Tierdesigns sind oft überzeichnet und leicht absurd und erzählen durch ihre eigenwillige Formensprache ihre ganz eigene Geschichte.
Nach ihrem Studium im Bereich Virtual Design startete sie zunächst als 3D-Artist, bevor sie an der Idea Academy in Rom ihren Master in Visual Development absolvierte und sich zunehmend auf Illustration und Character Design für Animation und Kinderbücher konzentrierte. Aus ihrer Leidenschaft für Tierdesign entstand schließlich ihre eigene Brand mohiiri, unter der sie ihre Tierwelt auf verschiedenste Produkte wie Notebooks, Sticker und andere Stationery bringt. Abseits der Illustration interessiert sie sich für Fotografie und verbringt ihre Zeit am liebsten im Freien oder mit Tieren.







