Zeit haben und sie zu stillen wissen

Rezension zu Rosalyn D’Mellos gestillte Zeit. Mutter und doch Selbstsein

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Wie schreiben, als Mutter, unter kapitalistisch-rassistisch-patriarchalen Verhältnissen? Wo schreiben? Wann? Nimmt man sich die Zeit? Wird sie einem gegeben? Hat man sie übrig? „Als Mutter muss man zuerst Zeit finden, um sie zu verlieren,“1 schreibt Rosalyn D’Mello. Aber Zeit als Ressource finden nicht alle gleich schnell oder zufällig – sie ist ungleich verteilt, ungleich schwer versteckt. Um zu verstehen, wer wie viel Zeit unter welchen Umständen zur Verfügung hat, muss man sie aus intersektionaler Perspektive betrachten.

In ihrem Buch gestillte Zeit. Mutter und doch Selbstsein ergründet die Schriftstellerin, Lektorin und Kolumnistin Rosalyn D’Mello ihre eigene Subjektivität sowie das Verhältnis von Zeit und Schreiben als Mutter. Schreiben als Luxus und Lohnarbeit, zwischen unbezahlter Care-Arbeit und Alltagsdiskriminierung: Gibt es eine Art des Schreibens, die eher an einen Schreib- als einen Küchentisch gehört? Und lässt sich ein Unterschied zwischen beiden am Klang der Worte herauslesen?

„Ich weiß nur, dass die Tinte im Farbton Beryl eintrocknete, als meine Milch endlich stetiger floss.“2

Rosalyn D’Mello stammt aus Indien und lebt in Südtirol, der Heimat ihres Partners. Dort wächst auch ihr Sohn Josef auf, das erste Kind der Autorin, dessen Heranwachsen sie in ihrem literarischen Essay beobachtet, reflektiert und davon ausgehend kaleidoskopartig Blicke auf sich selbst und ihre Umgebung wirft.

Sie beobachtet, fühlt und beschreibt, wie es ist, sich als Woman of Colour von den Erfahrungen der meisten Mütter in Südtirol ausgeschlossen zu fühlen. Darüber, wie sie sich mit der unsichtbaren Hierarchisierung der Sprachen und Erwartungshaltungen ihrer Mitmenschen auseinandersetzen muss, und der Diskriminierung, die sie erfährt, weil sie weder fließend Italienisch noch Deutsch spricht. Wie sie sich dafür rechtfertigen muss, dass sie mit ihrem Sohn Englisch spricht, statt Konkani, der Muttersprache ihrer Mutter: „Wie soll ich ihnen erklären, dass meine Mutter sich dafür entschieden hatte, unser Leben zu verbessern, indem sie Englisch sprach, eine Sprache, mit der sie bessere Möglichkeiten verband.“3 Wie befremdlich es sich für sie anfühlt, den eigenen Sohn in einer Kindheit aufwachsen zu sehen, die das Gegenteil der eigenen ist. Und doch ist es die Ruhe nach dem Stillen, das Muttersein, das ihr Kraft gibt: „In diesen Momenten heile ich die Wunden, die mir die Welt durch ihren rassifizierenden Blick zufügt.“4

„Indem wir gegen die Umstände anschreiben, entgehen wir dem immer noch andauernden, verfluchten Verlust der weiblichen Subjektivität.“5

gestillte Zeit ist ein Text, der sich kontinuierlich selbst erkundet, seine Form, Umstände und das eigene Werden immer wieder in Frage stellt und sich ununterbrochen neu definiert. Wie eine Frau, die Autorin selbst, sich entdeckt: in ihrer Rolle als Mutter, in ihrer Beziehung zu sich selbst, zu ihrem Kind, ihrem Mann, ihrer Umgebung. In einer klaren Sprache beschreibt Rosalyn D’Mello Erinnerungen, Ereignisse, die eigenen Gedanken und Gefühle so nahbar und offen, dass sie sich den Lesenden in all ihren Nuancen, in ihrer Sachlichkeit und in ihrer unverschnörkelten Poesie entfalten. Gemäß dem Genre der Autotheorie, in der sie ihren Text selbst verortet, verweist D‘Mello in ihren Überlegungen immer wieder auf Feminist*innen, Künstler*innen, Autor*innen und Philosoph*innen und deren Theorien und Gedanken über das Schreiben, Mutter sein, Frau sein, Queer sein. Der Text formt sich während des Lesens immer weiter, als würde man das Entfalten ihrer Gedanken, das Staunen über den Text, das Selbst und das allgemeine Wachsen scheinbar in Echtzeit, gleichzeitig aber auch als Schilderung einer Erinnerung, betrachten.

D’Mello gibt ihrem Text unterschiedliche Bezeichnungen: Essay-Biest-Monster, literarische Interventionen, wöchentliche Notizen, Buch. Ursprünglich verfasst auf Karteikarten – illustrativ abgedruckt auf der Innenseite des Buchumschlags –, die mit Büroklammern zusammengehalten werden, unterteilt sich der Essay in 41 Abschnitte: 39 Wochen davon skizzieren die Dauer ihrer Schwangerschaft mit Josef, die Abschnitte Wochenfluss und Nabelschnur wirken wie eine Art Epilog. Und trotz dieser vermeintlich linearen, wöchentlichen Frequenz ist der Text kein Bericht oder Tagebuch. Vielmehr sind es verflochtene Fragmente, eine Art Collage oder literarische Femmage, in der sich Feminismus und Muttersein auch in der Textform widerspiegeln: Die Fragmente verbinden Vergangenes, Aktuelles und Zukünftiges neu, schlagen eine Gleichzeitigkeit vor und fordern damit die „Linearität des Chrononormativen“6 heraus, wie es auch die Mutterschaft tut. „Seit Jahren schon fasziniert mich die Vorstellung, in eine artübergreifende Zeit einzutauchen“, schreibt die Autorin.7 Der Rhythmus des Buchs ist der D’Mellos als stillende, schreibende Mutter und wirkt auf den ersten Seiten anspruchsvoll, gemeinsam mit den autotheoretischen Verweisen auf den ersten Blick vielleicht sogar kompliziert, doch er lädt die Lesenden ein, in ihn einzutauchen, sich auf ihn einzulassen und mittragen zu lassen.

„Schreiben erfordert vielmehr eine gewisse Mobilisierung oder Verstoffwechslung der Umstände.“8

Wiederholt fragt sich Rosalyn D’Mello selbst, was diese Art des Schreibens für sie ist: ein intuitiver Vorgang ohne Performance-Druck, ein Prozess der Absonderung, eine Erholung von der Reizüberflutung des Mutterseins oder der Versuch, Kontinuität inmitten all der Veränderungen zu bewahren. Denn Letztere sind es, die vom Einteilen der Zeit, vom Schreiben im Alltag als Mutter unendliche Flexibilität erfordern:

„Zwei Minuten, bevor die Nudeln gar waren, wachte Josef auf. Als ich ins Schlafzimmer kam, saß er bereits aufrecht und wartete auf mich. Er schien ziemlich sicher gewesen zu sein, dass ich auftauchen würde, wenn auch etwas besorgt, da ich nicht so schnell wie sonst gewesen war. Es war ein kurzes Nickerchen gewesen. Vielleicht hätte ich es schaffen können, ihn wieder hinzulegen, aber schon in einer Minute hätte mein Timer geklingelt und ich hätte die Nudeln abgießen müssen, sonst wären sie zu weich geworden.

Schlafregressionen sind ebenso wie Fortschritte deshalb so herausfordernd, weil sie den Ablauf durcheinanderbringen, die Routine, die ich in Zusammenarbeit mit Josefs Körper aufgebaut und weiterentwickelt habe. Durch diese Unterbrechung bleibt mir wenig bis gar keine Zeit für mich selbst. Der bisher pünktliche Mittagsschlaf erscheint nun aufgrund seines Widerstands als unerreichbar.“9

D’Mello veranschaulicht den anhaltenden Lernprozess, sich in dieser ständig wechselnden freien Zeit einzurichten und sich der Angst vor den andauernd drohenden Unterbrechungen eines möglichen Schreibflows zu stellen.

„Ich scheue mich nicht mehr zuzugeben, dass Schreiben für mich Atmen ist.“10

Das Schreiben als Mutter, inmitten gefundener Zeit, kann schwerfällig sein, aber auch neue wie alte Kreativität hervorbringen: „Jedes Wort entspricht einem Gefühlsort, einem flüssigen Bereich in meinem Inneren; ich empfinde es wie Kondensation.“11 Das niedergeschriebene Wort als Schweiß, als Muttermilch anzusehen, als nicht zu verhindern, mag in einem patriarchalen Weltbild als unappetitlich, unstrukturiert und vielleicht sogar als literarisch minderwertig angesehen werden – nicht zuletzt um die patriarchale Vorherrschaft auch in der Literatur aufrecht zu erhalten. Die körperliche Erfahrung des Schreibens sowie des Mutterseins mit Staunen und Neugierde miteinander zu verbinden, macht diesen gelungenen Essay radikal und intersektional feministisch.

„Ich muss zugeben“, schreibt Rosalyn D’Mello, „dass ich meinen Leser*innen nur meinen Schweiß, mein Blut und meine Tränen zu bieten habe.“12 Dabei sind diese die kondensierte Form all ihrer Erfahrungen, Gefühle und Gedanken, womit die Autorin den Leser*innen alles anbietet, was sie zu geben hat. So stillt D’Mello in ihrem Essay die Zeit wie auch ihr Kind: „Die Unersetzbarkeit meines Körpers überwältigt mich. Dass niemand für mich in den Momenten, in denen mein Kind nach seiner Mutter verlangt, einspringen kann, erfreut und erschreckt mich gleichermaßen.“13 Und deshalb sollte die Unersetzbarkeit des eigenen Schreibens als Mutter, als Frau, als Individuum abseits der cis-Heteronormativität und inmitten einer Minderheit auch überwältigen. Denn es gibt viele Gründe, warum man überhaupt, also auch als Mutter unter kapitalistisch-rassistisch-patriarchalen Verhältnissen, schreiben sollte. Einen davon benennt Rosalyn D’Mello schon auf den ersten Seiten ihres Buches: „[W]eil irgendjemand irgendwo eine Wunde in der Form deiner Worte haben könnte.“14 Und für alle, die diese Wunden nicht tragen, ist es das Schreiben darüber, was diese und ihre hinterlassenen Narben sicht- und damit veränderbar macht.

Anmerkungen

  1. S. 208.
  2. S. 5.
  3. S. 139.
  4. S. 19.
  5. S. 10.
  6. S. 50.
  7. Ebd.
  8. S. 9f.
  9. S. 57.
  10. S. 198.
  11. S. 15.
  12. S. 141.
  13. S. 11.
  14. S. 6.
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Rosalyn D’Mello: gestillte Zeit. Mutter und doch Selbstsein. Aus dem Englischen von Anna Jäger. Edition Raetia 2026. 22 Euro (Print), 12,99 Euro (E-Book). Die italienische Ausgabe in der Übersetzung von Cristina Vezzaro erscheint ebenfalls bei Edition Raetia.

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