„Ich wollte keine Antwort geben, sondern zeigen, wie die Frage entsteht“
– Ein Gespräch mit Antonia Elisabeth Jung über x hat eine Frage
Nach dem Lesen von Antonias Text hatten auch wir eine Frage: Was ist x – Edgelord oder Identifikationsfigur? Ist die Suche nach einer eigenen Stimme, gerade im Schreiben, eigentlich ur-patriarchal? Wir haben die Autorin selbst gefragt. Hier findet ihr unser Gespräch mit Antonia über ihren spannenden Text.

Charlotte: Die Angst vor der eigenen Beliebigkeit bildet ja im Prinzip eine typische Krise der Postmoderne ab: Gefühlt wurde alles schon gesagt, gedacht und geschrieben – was gerade bei Menschen mit Schaffensdrang zu existenziellen Fragen führen kann. Ich frage mich, aus welcher Zeit x eigentlich zu stammen meint – eine Zeit, „in der man noch beeindrucken konnte. Weil das Geschaffene zumindest zur Hälfte aus einem selbst kam“. Aber wie lange ist es her, dass es dieses Problem noch nicht gab? x müsste dann ja im Prinzip noch aus der Aufklärung oder zumindest Romantik kommen – wobei da ja auch dieser Geniekult entstand, unter dem wir heute noch leiden.
Antonia: Ich glaube, x stammt gerade aus keiner bestimmten Zeit. Die Formulierung, dass er aus einer Zeit komme, „in der man noch beeindrucken konnte“, würde ich eher als Ausdruck seiner Sehnsucht verstehen als als historische Behauptung. Ich glaube nämlich gar nicht, dass es diese Zeit jemals wirklich gab. Dass alles schon einmal gedacht, geschrieben oder gesagt wurde, ist schließlich selbst ein sehr altes Motiv. x erzählt sich also eine Vergangenheit, in der Originalität vermeintlich noch möglich gewesen sei, und leidet daran, dass diese Vorstellung mit seiner Gegenwart kollidiert.
Charlotte: Ist x überhaupt als Person angelegt oder eher diese Projektion der guten alten Zeit veranschaulichen?
Antonia: x für mich nicht einfach eine Person. Er ist vielmehr eine Variable. Das x ist eine Unbekannte, eine Kreuzung, ein Widerspruch, vielleicht sogar eine Leerstelle. Gleichzeitig steckt darin auch das x-Beliebige. Ausgerechnet eine Figur, die panische Angst davor hat, beliebig zu sein, trägt einen Namen, der genau diese Offenheit und Austauschbarkeit bezeichnet. Seine Gedanken sind dabei gerade nicht originell. Wahrscheinlich hatten schon Tausende dieselben Gedanken vor ihm. Für x fühlen sie sich aber vollkommen neu, einzigartig und existenziell an. Genau darin liegt für mich etwas Tragisches, aber auch etwas Naives. Er hält seine Verzweiflung für außergewöhnlich, obwohl sie gerade Ausdruck einer sehr allgemeinen Erfahrung ist.
Charlotte: Im Gedanken, dass wir alle „beliebig“ sind, steckt ja auch was Positives, nämlich der Gedanke der Gleichheit im ethischen Sinne, der Abbau von Barrieren, Gatekeeping und Diskriminierungsstrukturen (also zumindest im Utopischen – in der Realität sind wir ja leider mitten im Backlash). x steckt aus unserer Sicht noch in einem eher patriarchalen Verständnis der Gleichheit, das mit Angst vor Bedeutungsverlust verbunden ist, und schafft die Wendung ins Postpatriarchale nicht: die Bejahung des Gedankens, dass der Mensch nur durch Arbeitsteilung, Gemeinschaft und gegenseitige Fürsorge existieren kann, dass er das auch schon immer hat, und dass der Drang nach individueller Exzellenz, den uns die Geschichte eingebracht hat, eher ein altes Gespenst ist, das uns jetzt in Form des individualistischen Kapitalismus heimsucht – der gleichzeitig verspricht, dass „jeder“ es schaffen kann bzw. jeder alles kann, wie dein Text herausarbeitet. Weil wir ja alle in diesem kulturellen Schlamassel stecken, finde ich x irgendwie peinlich, kann mich aber auch mit ihm identifizieren – was sagst du dazu?
Antonia: Ich würde x nicht als Identifikationsfigur verstehen. Ich empfinde Mitgefühl für ihn, aber ich teile seine Sicht auf die Welt nicht vollständig. Er ist in seinem Denken sehr starr, fast kindlich unflexibel. Er misst Bedeutung ständig an Besonderheit und Originalität und gerät dadurch in einen Kreislauf, aus dem er selbst nicht mehr herausfindet. In diesem Sinne finde ich deine feministische Lesart sehr spannend. Ich glaube, sie beschreibt sehr gut, an welchem Ideal x festhält. An einem Verständnis von Autorschaft und Exzellenz, das sich fast ausschließlich über Individualität definiert.
Charlotte: …und dann schreibt er ein so beliebiges Gedicht!
Antonia: Deshalb ist mir die Szene mit dem Mädchen am Ende wichtig. Auf den ersten Blick tun beide etwas, das sie selbst für bedeutsam halten. x schreibt sein Gedicht, das Mädchen springt voller Begeisterung in eine Pfütze. x geht jedoch selbstverständlich davon aus, dass beide letztlich an derselben Erfahrung scheitern: dass niemand hinsieht, niemand bewundert und deshalb Scham über die eigene Mittelmäßigkeit entsteht. Das Mädchen muss diese Scham aber gar nicht empfinden. Vielleicht ist sie gar nicht auf der Suche nach Bedeutung oder Beachtung, weil ihr Spiel seinen Sinn bereits in sich trägt. Genau das kann x sich nicht mehr vorstellen. Er liest seine eigene Krise in sie hinein und nimmt ihr damit die Möglichkeit, etwas ganz anderes zu empfinden als er selbst. Das kleine Gedicht ist für mich deshalb auch kein Beweis dafür, dass x nichts kann. Es zeigt vielmehr, dass er sich selbst keinerlei Mittelmäßigkeit zugesteht. Er scheitert an seinem eigenen Anspruch.
Charlotte: Man kennt’s!
Antonia: Ich denke, x beschränkt sich nicht nur räumlich, sondern auch erkenntnistheoretisch. Er verlässt die Küche nie wirklich und ebenso wenig seinen eigenen Bezugsrahmen. Alles, was ihm begegnet, wird zum Spiegel seiner Krise. Gerade das Mädchen am Ende könnte seine Weltsicht eigentlich widerlegen: Es spielt, ist ganz im Moment und braucht keinen Zweck. Stattdessen schreibt x ihm dieselbe Frage zu wie sich selbst. Für mich ist das ein wichtiger Moment des Textes – nicht, weil das Mädchen diese Frage tatsächlich hat, sondern weil x der Welt gar nicht mehr erlaubt, ihm zu widersprechen. Vielleicht ist x deshalb weniger eine Figur als ein Zustand. Ein Zustand, in den man geraten kann und dem man im besten Fall wieder entwächst. Er ist so sehr in seinem Denken gefangen, dass er gar nicht mehr offen dafür ist, dass die Welt anders sein könnte, als er sie liest.
Charlotte: Ich habe mich schon auch gefragt, inwiefern der Text auf x’s Seite ist – kritisiert er ihn, führt er ihn vor, nimmt er ihn ernst?
Antonia: Ich würde sagen, dass der Text x eher zeigt als bestätigt. Er soll weder vorgeführt werden noch recht behalten. Ich hoffe eher, dass man sich in seinen Gefühlen von Vergleichsdruck, Überforderung oder der Angst, x-beliebig zu sein, wiederfinden kann, ohne seine Schlussfolgerungen übernehmen zu müssen. Auch der offene Schluss ist deshalb bewusst gesetzt. Mich hat weniger interessiert, eine Antwort auf seine Frage zu geben, als zu zeigen, wie diese Frage überhaupt entsteht. Für mich ist sie eher Symptom als Pointe und mich fasziniert vor allem das Gefühl, das sie aufmacht.
Charlotte: Das ist echt eine einfühlsame und reflektierte Sicht auf die Dinge. Vielen Dank, Antonia, für diesen mega spannenden Text und auch die Zeit, die du dir für das Gespräch genommen hast!




