x hat eine Frage

Antonia Elisabeth Jung

Auf den Fensterbänken häufen sich die Fliegen und rotten ihre dreitägige Existenz in den Lack. Dicht daneben versuchen dürre Pflanzen den kümmerlichen Rest an Nährstoffen aus dem viel zu kalkhaltigen Wasser zu ziehen, um Hausbewohner x für zwei Minuten einschlägiger Analyse ein grünes Gefühl zu geben. Vielleicht hilft das, um die fortschreitende Depression in Schach zu halten und Fragen der Existenz mit Ausrufezeichen zu versehen. Als x sich abwendet, werden daraus Punkte und über den Punkten beginnt ein schlängelndes Etwas nach Antworten zu verlangen, die er nicht hat. Der Kühlschrank geht auf. Nicht von allein. Aber auch nicht mit Hilfe von x. Kühles Licht flackert auf, beleuchtet Möglichkeiten, die sofort verworfen werden. Die Tür schließt sich wieder. Hunger bleibt. Das einzig Entschlossene an x ist sein Hunger.

Nun steht er dort. Leicht gekrümmt. Ein ungeschminktes Tier ohne Social Skills. Trägt Gedanken mit sich herum wie unveröffentlichte Entwürfe. Er denkt zu langsam für eine Zeit, in der schon die erste Version zu spät kommt. Zwischen seinen Augen liegen Mühen, fein gefaltet. Er sehnt sich. Denkt an Nähe und an ihren Preis. Niemand hält lange genug still. Nicht als Freund. Nicht als Mensch. Es rechnet sich nicht. Vielleicht war das Geben schon immer mühsam. Vielleicht merken wir es erst jetzt, wo sich jeder Mangel sofort vergleichen lässt. Loyalitäten sind teuer geworden, denkt er. Den Preis wollen wir nicht mehr zahlen. Wir investieren lieber in die Illusion einheitlich besonders zu sein. Doch Besonderheit wurde abgeschafft. Von uns selbst. Und die Scheinwerfer fremder Exzellenz blenden, bis man nur noch grau sieht. Als hätte man zu lange in die Sonne geschaut. Oder in Gesichter, geschmückt mit Federn fremder Vögel. x stammt aus einer Zeit, in der man noch beeindrucken konnte. Weil das Geschaffene zumindest zur Hälfte aus einem selbst kam. Heute ist das eine überprüfbare Behauptung. Und das Hinterfragen hat sich in ihm eingenistet wie ein lebenswichtiges Organ. Er will es entfernen. Über dem Kühlschrank steht ein dürftiges Holzgestell mit Papier darin. Stifte daneben. Den edelsten Mechanismen zum Trotz greift er danach und schreibt:

Weil jeder alles kann,
trau ich mich nicht ran.
Was ist, wenn ich versage, dann?
Obwohl doch jeder alles kann.

Er betrachtet seine Schrift. Unsauber. Unzuverlässig. So hatte er es nicht gelernt. Vielleicht ist Handschrift das Letzte, das einem noch ähnlichsehen kann. Und selbst darin erkennt er sich nicht wieder. Oder schlimmer, es wurde ihm abgenommen. Er zerknüllt das Papier in einer laschen Faust. Sein Blick fällt auf den krustigen Mülleimer neben dem Fenster. Er ist so voll, dass er sich für seine Unersättlichkeit schämt. Sein Arm hebt sich träge. Gerade weit genug für einen plausiblen Winkel. Ein Wurf. Daneben.

Sein habichtfarbenes Haar steht ab wie ein Gerät, das Signale erwartet, die nie gesendet wurden. Er ist anwesend in sich selbst, ohne Unterbrechung. Vielleicht ist genau das das Problem. Das Signal scheint gestört zu sein. Er ist selbst. Ständig. Unentschlossen in der Küche stehend. Sie ist kubusförmig und ein bisschen kalt an den Füßen. Sie sind nackt, denn Gefängnisse erträgt er nicht, nicht mal die für Füße. Fußgefängnisse. Das Wort fasziniert ihn und kurz lässt er zu, dass es ihn zerstreut, bevor er sich wieder verfängt, diesmal in leeren Spinnennetzen, die nichts mehr tragen als ihre eigene Form. Er tritt näher. Zu früh für Spinnen. Zu spät für Überraschungen. Sie wissen, wann er hier steht. Alles weiß das. Wir haben unsere Zeiten, denkt er. Aber ich würde euch gern häufiger begegnen. Mich gern häufiger überraschen. Es ist noch ein wenig hell draußen. Das Fenster kippt. Ein Spalt reicht, um aus dem Raum zu fallen, ohne ihn zu verlassen. Niemand sieht herauf, aber alles sieht herunter.

Die Straßen sind nass. Aber Regen ist selten geworden. Die Luft riecht nach toten Regenwürmern. Fad und fleischig. Wie immer schleichen Menschen über die Straße. Eher eine Verschiebung als eine Handlung. Die Köpfe eingezogen in die tröstlichen Kragen ihrer Daunenjacken. Selten blickt einer hervor. Das Kopfsteinpflaster verschlingt gierig die leisen Schritte von Gummisohlen, von denen sich Preisschilder lösen und auflösen. Ein Komfort, den man sich leisten kann. Währenddessen zerbersten kleine gelbe Stiefel mit Dinomuster die glatte Oberfläche einer Pfütze nahe dem beginnenden Stadtpark. Ein Kind springt aufgeregt darin umher und rudert mit den Armen gegen die Trostlosigkeit der Szenerie. Immer wieder. Als ließe sich Bedeutung durch Wiederholung erzeugen. Die Begeisterung überträgt sich nicht. Wie ein blinder Funke verebbt sie in der Brust des Mädchens und bildet eine Frage. Die vielleicht nie ausgesprochen wird.

Traurig, denkt x. Denn er hat dieselbe Frage.

Was ist, wenn jeder nur so beliebig ist wie ich?

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Nach dem Lesen von Antonias Text hatten auch wir eine Frage: Was ist x – Edgelord oder Identifikationsfigur? Ist die Suche nach einer eigenen Stimme, gerade im Schreiben, eigentlich ur-patriarchal? Wir haben die Autorin selbst gefragt. Hier findet ihr unser Gespräch mit Antonia über ihren spannenden Text.

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