Brandenburg – ein Liebesbrief

Demba Sanoh

Mein geschätztes Brandenburg.
Ich liebe dich –
im Sommer.

Deine Wälder, deinen sandigen Boden, deine Felder, deine Seen, deinen Geruch nach Kiefer, deine Greifvögel und Rehe, deine halb verlassenen Dörfer und deine alten Kirchen.

Du bist die Pause von der Großstadt, vom Lärm, vom Dreck und Leid der U8. Vom Beton und vom stinkenden Kanal. In dir kann ich frei atmen, lebendig, befreit vom Morast der Nekropole. Blut pumpt durch meine Venen, wenn mir der Gegenwind auf meinem Fahrrad um die Ohren saust. Du gibst mir Ruhe und Kraft mit deiner endlosen Weite und menschenleeren Landschaft.

Ich trete gleichmäßig in die Pedale, die Laufräder surren bei jeder Umdrehung, meine Füße schwingen auf und ab, meine Oberschenkel brennen. Ich fahre zehn, zwanzig, fünfzig, achtzig Kilometer durch deine Natur, begleitet von Vogelgezwitscher, vom Zirpen der Grillen und dem Geräusch meiner Reifen – mal auf deinem glatten Asphalt dahingleitend, mal nervös klappernd auf dem Kopfsteinpflaster einer deiner vielen verlassenen Dorfplätze.

Wenn ich durch Siedlungen fahre, die wie die letzten Außenposten menschlicher Zivilisation scheinbar aus dem Nichts auftauchen, halte ich meistens nicht an. Ich bin schließlich raus aus der Stadt und zu dir gefahren, weil ich genug von Menschen habe, von ihrer Wut, ihrer Enttäuschung und von den Fallstricken sozialer Interaktion. Auch wenn ich mich zwischen Neonlicht und Häuserblocks besser verstecken kann, ich in der Masse untergehe: Jeden Sommer freue ich mich darauf, dich wiederzusehen. Der Wunsch, mich in dir zu verlieren, treibt mich verlässlich zurück aufs Land. Ich weiß, was mich erwartet. Nach all der Zeit ist immer noch Verlass auf dich. Aber ich halte in dir nicht an. Du bist kein Ort zum Verweilen.

Die Blicke deiner Rentner in ihren Vorgärten verfolgen mich auf meinem Rad. Wenn ich an ihnen vorbeidüse, schauen sie mir nach, als gehörte ich nicht hierher. Ich merke, wie sie meinen Gruß nicht erwidern. Trotzdem – ich grüße jede Menschenseele. Jedes Mal und aus Prinzip. Um mich zu zeigen, um zu unterstreichen, dass ich Teil ihrer Welt bin, ja, auch deiner Welt bin,
mein Brandenburg,
ob du es willst oder nicht.

Ich bin nicht blind: So manche Fahne in manchem Vorgarten und so mancher Blick in offene Garagen auf die Devotionalien des Großvaters springen mir ins Auge, als müsste ich es besser wissen. Sie erzählen mir mehr über dich. Falls ich noch Zweifel daran hatte, ob ich wirklich bei dir bin, ist dieser spätestens dann ausgeräumt, wenn mein Blick im Vorbeifahren ein eisernes Kreuz streift.

Also halte ich nicht an.
Ich bin nicht lebensmüde.

Immer in Bewegung rausche ich durch dich durch. Durch jede Pore, jedes Molekül – ich nehme alles von dir in mir auf, was ich zu fassen kriege. Deine Natur zieht an mir vorbei, du ziehst mich in deinen Sog. Nach all den Jahren weiß ich immer noch, was ich an dir habe. Warum ich mich damals verliebte. Du bist so wunderschön, dass es weh tut.

Ich meide deine Dorffeste. Zumindest, wenn ich allein unterwegs bin und versuche so wenig Zeit wie möglich an deinen Bahnhöfen zu verbringen, bevor ich wieder in den Zug Richtung Berlin steige. Zurück in den Schutz der Herde. Das ist unfair und ich möchte mich eigentlich nicht daran gewöhnen, erst wieder durchzuatmen, wenn ich am Südkreuz aus dem Regionalexpress aufs Gleis trete.

Als hätte ich eine Wahl. Auch deswegen fahre ich immer wieder raus. Um mir den Platz zu nehmen, denn ich gehöre hier genauso hin wie alle anderen. Um die Natur zu genießen. Um zur Ruhe zu kommen zwischen all diesem Wahnsinn.

Um dir zu zeigen, wieviel du mir wert bist.
Wenn du mich fragst, bist du für alle da.
Mein schönes, grässliches, liebevolles, hasserfülltes Brandenburg.
Ich werde dich immer lieben, auch wenn du mich vielleicht eines Tages umbringst.
Bis dahin fahre ich weiter raus,
zu dir,
in die Provinz.
Wie jeden Sommer.

No items found.

Mehr erfahren

Mehr lesen