Interview: Julius Thesing
Julius Thesing lebt in Münster und arbeitet als Illustrator, Designer, Fotograf und Autor. In seinem Design-Studium entstand die Bachelorarbeit You Don't Look Gay, welche 2020 im Bohem Verlag erschien und für den Serafina Preis für Illustration nominiert wurde. Zuletzt erschien sein gemeinsamer Comic-Roman mit Sibylle Berg "Mein ziemlich seltsamer Freund Walter" im Fischer Sauerländer Verlag.
In unserem Gespräch hast du erzählt, dass You Don't Look Gay ursprünglich als queeres Aufklärungsbuch geplant war und dann zu einem sehr persönlichen Buch mit eigenen Texten wurde. Was hat sich für dich verändert, als klar wurde: Das wird kein Buch über Queerness, sondern eines, das aus deiner eigenen Perspektive spricht?
Die Entscheidung, das Buch sehr persönlich und zum größten Teil aus eigener Perspektive zu schreiben, war sehr befreiend. So konnte ich mir nach der Recherche rund um politische Entscheidungen, Statistiken zum Thema Coming Out etc. erst einmal vieles von der Seele schreiben und es dann zu einem stimmigen Ganzen zusammenbauen. Wäre es ein reines, sachliches Aufklärungsbuch geworden, wäre der Druck, alles richtig formulieren, darstellen und differenzieren zu müssen, für eine Bachelor-Arbeit (was You Don't Look Gay ja zu Beginn war) und den dazugehörigen engen Zeitrahmen eindeutig zu hoch gewesen.
Du bist ja etwas über Umwege zur Illustration gekommen, meintest du — ausschlaggebend war der Hinweis von Felix Scheinberger, es doch mit Illustration statt Kommunikationsdesign zu versuchen. Was hat sich dadurch für dich geöffnet, was du vorher vielleicht nicht gesehen hast?
Ich habe immer gerne und viel gezeichnet, mich total für Manga und Comics begeistert und Concept Art von Videospielen und Filmen geliebt. Dass ich das auch beruflich machen könnte, war bis zum Beginn des Studiums aber keine Option, die mir realistisch erschien. Dementsprechend bin ich fest davon ausgegangen, dass ich meinen Bachelor in Kommunikationsdesign machen würde. Im Studium habe ich dann den Beruf als Illustrator*in erst so richtig greifen können und war sofort begeistert. Außerdem habe ich mich in der Illustrationsbubble an der FH super wohlgefühlt. Ganz viele tolle Leute, die Spaß daran haben, Geschichten auf ganz eigene Art und Weise zu erzählen.

Durch You Don't Look Gay sind viele Folgeaufträge entstanden, und du musstest nie den klassischen Weg über Buchmessen und Portfolio-Pitches gehen. Wie blickst du im Rückblick auf diesen eher untypischen Weg — und was sagt das für dich über Sichtbarkeit im Kulturbetrieb allgemein?
Ich habe einfach riesiges Glück gehabt, dass You Don't Look Gay als Bachelorarbeit bei der Abschlussausstellung entdeckt und dann auch direkt verlegt wurde. Auch da ist Münster eine super Adresse, die Parcours-Abschlussausstellung zieht immer sehr viel Publikum an, auch aus Verlagskreisen. Dass daraus viele Folgeaufträge entstanden sind, ist super schön und erkläre ich mir ein bisschen dadurch, dass ich mit dem Buch eine verhältnismäßig kleine, aber sehr begeisterungsfähige und offene Zielgruppe angesprochen habe.
Die Zusammenarbeit mit Sibylle Berg begann durch puren Zufall — über eine Instagram-Illustration, auf der du GRM: Brainfuck liest. Was hat dich an diesem Zufall im Nachhinein am meisten überrascht?
Puh, alles? :D Dass aus dieser kleinen Illustration ein Auftrag für die Podcast-Cover von WG Wesensfremd, für Sibylles WOZ-Kolumne und schließlich für ein gemeinsames Buch mit Sibylle wurde, ist einfach verrückt. Sibylles Mails gehören auf jeden Fall zu den Highlights meines bisherigen Berufslebens.

You Don't Look Gay lebt visuell fast komplett von Pink, Mein ziemlich seltsamer Freund Walter dagegen ist ein umfangreicher schwarzweißer Comicroman. Wie verändert sich dein Erzählen, wenn du dich bewusst auf ein anderes visuelles System einlässt?
Das liebe ich an dem Job am meisten. Unterschiedliche Geschichten brauchen unterschiedliche Arten, sie zu erzählen. Diese Art komplett formen oder mitbestimmen zu können, macht so viel Spaß und ist so erfüllend. Bei Walter war die schwarz-weiße Farbgebung vorgegeben, ich finde aber im Nachhinein, dass sie perfekt zur Geschichte passt. Bei You Don't Look Gay durfte ich für die Bachelorarbeit alles entscheiden und habe das rosa Papier als Grundlage und die Zweifarbigkeit ausgewählt, weil ich an die queere Zine-Kultur erinnern wollte. Dass der Bohem Verlag das rosa Papier auch für den Buchhandel ermöglicht hat, hat mich sehr gefreut.
Neben dem Zeichnen schreibst du auch, unter anderem fürs kaffeeundkippen Magazin— und würdest gerne noch mehr schreiben. Wo unterscheidet sich das Schreiben für dich vom Zeichnen, und wo treffen sich beide Formen?
Durch das Studium und den Beruf als Illustrator, denke ich allgemein sehr visuell, das merke ich auch beim Schreiben. Ich glaube, was ich bei beiden Formen so sehr mag, ist das Abstrahieren und Kondensieren. Mit wenigen Strichen einen Ausdruck treffen, der Emotionen hervorruft, funktioniert ähnlich, wie die richtigen Worte zu finden, um ein Gefühl zu erzeugen. Bei beiden Formen gibt es außerdem die große Angst vorm weißen Blatt und einen sehr erfüllenden Flow-Zustand, in dem ich kaum etwas von meiner Umgebung mitbekomme.
Safe Spaces, Lesebühnen, queere Räume — welche Rolle spielen sie für dich als Künstler, als schreibende Person und als Teil einer Szene?
Solche Safe Spaces sind super wichtig. Ich habe das große Glück, dass ich von vielen kreativen Menschen in meinem Freund*innenkreis umgeben bin und ich dort Inspiration finde und den Mut habe, die eigene kreative Arbeit zu teilen. Für viele andere Safe Spaces reicht meine soziale Batterie leider oft nicht aus. Wenn doch, genieße ich aber sehr, unter Leuten zu sein, die Werte, Interessen und Leidenschaften teilen. Das ist mir besonders bei der Lesung vom kaffeeundkippen Magazin aufgefallen. Nach dem Abend war meine Batterie wirklich komplett leer, mein Herz dafür umso voller.
Deine Arbeit hat oft Humor, Direktheit und Zugänglichkeit, ohne dass die ernsten Themen dadurch kleiner werden. Wie findest du die Balance zwischen Leichtigkeit und politischer oder persönlicher Schwere?
Das freut mich sehr zu hören, genau das möchte ich mit meiner Arbeit und generell im Leben erreichen. Mir ist es wichtig, nicht die Augen vor politischen Wahrheiten zu verschließen, eine ganz klare Meinung zu vertreten und für Minderheiten einzustehen und mich auch unbequemen Themen zu stellen. Humor und Empathie machen das alles erträglicher, ohne es automatisch zu verharmlosen. Das heißt nicht, dass ich nicht auch super oft Wut verspüre und mir ist bewusst, dass das Ganze schnell in Zynismus kippen kann, aber ich versuche, meine Wut, meinen Humor und meine Hoffnung gut zu balancieren.


Wir haben ja auch über Tauben als unterschätzte, fast falsch erzählte Tiere gesprochen — einst beste Verbündete der Menschen, heute leider oft abgewertet. Was hat dich daran gereizt, das Tauben-Motiv so für unser Cover umzusetzen?
Wir haben über das Cover gesprochen, als gerade der Pride Month gestartet ist, da hatte ich sofort das Bild einer kämpfenden, vielleicht schon etwas müden Taube im Kopf. Aktuell fühlt sich vieles so erdrückend an, rechte Gewalt bei Pride-Veranstaltungen, weltweit wird Politik gegen queere Menschen gemacht, die Unterstützung für die LGBTQIA*-Community ist in diesem Jahr kein Mainstream-Thema. Da braucht es eine stabile Rüstung, die ich der Titeltaube dann für das Cover auch angezogen hab.
Wenn Leser:innen nach diesem Interview zum ersten Mal in deine Arbeit reinschauen wollen — womit sollten sie anfangen, und was können sie sonst noch von dir erwarten?
Ich würde mich freuen, wenn ihr die Bücher lest, bei denen ich mitgemacht habe. Das waren alles tolle Herzensprojekte. Aktuell arbeite ich an gleich zwei Comic-Bänden, die 2027 und 2028 erscheinen werden. Und abgesehen davon könnt ihr gerne Druck machen, dass ich meinen Thesmaus-Account nicht mehr so sehr vernachlässige. Da findet ihr Postkarten, Poster und Co. unter dem Motto "Liebe Sachen auf Papier". Das wäre ganz lieb.







