Interview: Pandora Magri
Pandora Magri, geboren 1999 in der Nähe von Dortmund, studierte Design an der Fachhochschule Dortmund und an der Münster School of Design. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie als selbstständige Illustratorin und Comiczeichnerin in Münster. Pandoras Arbeiten haben oft einen Bezug zur Natur, gerne lässt sie Tiere für sich sprechen. Ihre visuelle Sprache ist geprägt von grafischen Linien, klaren Farben und einer gewissen Niedlichkeit. Die Drucktechnik Risographie inspiriert sie sehr.
Woran erkennt man deine Handschrift als Illustratorin als Erstes — Linie, Farbe, Figuren, Humor — und was ist dir daran wichtig?
Ich glaube, es ist eine Mischung aus allem. Ich arbeite gerne flächig, grafisch und mit sehr reduzierter, aber kräftiger Farbpalette. Außerdem stehen oft Tiere im Mittelpunkt meiner Arbeiten, denen ich große, expressive Augen gebe und die Betrachter*innen direkt anschauen lasse. Es ist meistens alles ein bisschen weird und cute. Wichtig ist mir bei meinen persönlichen Arbeiten in erster Linie, dass ich mit der Illustration zufrieden bin und Spaß beim Zeichnen hatte :)
Deine Arbeiten sind oft natur-inspiriert. Was ist gerade ein Naturdetail — ein Tier, eine Pflanze, eine Textur — das dich nicht loslässt, und warum?
Kaninchen und Vögel, definitiv. Beide liebe ich sehr, auf unterschiedliche Arten. Als ich klein war, habe ich mit meiner Oma immer ein Kartenlegespiel mit Singvögeln gespielt und konnte dadurch viele von ihnen identifizieren. Ich glaube, das hat mich in meiner Naturverbundenheit schon früh sehr geprägt und ist auch bis heute eine Konstante in meinem Leben und meiner Arbeit. Kaninchen kamen später, aber lassen mich bis heute nicht los. Aus rein gestalterischer Sicht finde ich sie sehr ästhetisch, aber auch ihre Symbolik und ihr Charakter (Kaninchen haben davon mehr als man denkt) haben es mir angetan. Ich sehe viel von mir selbst in Kaninchen.

Du arbeitest digital am Tablet und interessierst dich für Risographie. Welche konkreten Entscheidungen in deiner Bildsprache haben sich dadurch verändert — zum Beispiel Farbe, Flächen, Layering?
Als ich vor ein paar Jahren auf die Drucktechnik Risographie gestoßen bin, war ich direkt sehr angetan von ihr. Die knalligen Farben und die typisch körnige Textur haben mich unheimlich inspiriert und ich habe angefangen, den Risolook in meinen Arbeiten zu imitieren. Bis ich dann das erste Mal wirklich risodrucken konnte, hat es noch ein Weilchen gedauert, aber diese eigene Ästhetik hat meinen Zeichenstil sehr geprägt. Ich liebe es, mit sich überlagernden Flächen zu arbeiten und zu schauen, welche neuen Farben sich dadurch wiederum ergeben. Das ist ein sehr schöner, spielerischer Teil des Illustrationsprozesses für mich.
Du machst auch Merch — Sticker, Prints, Buttons. Was passiert mit einer Illustration, wenn sie plötzlich im Alltag von Menschen landet, in Jackentaschen oder auf Laptops? Verändert das auch, wie du beim Zeichnen an die Arbeit denkst?
Wenn ich Illustrationen für Merch designe, ist das auf jeden Fall eine andere Art des Zeichnens als wenn ich “nur so” illustriere. Im besten Fall setzte ich mich schon vorher einmal in Ruhe mit dem Herstellungsprozess des Merchartikels auseinander, um hinterher nicht feststellen zu müssen, dass das Design nicht so funktioniert, wie ich es mir vorgestellt habe. Manchmal ist es allerdings auch so, dass ich einfach drauf loszeichne und mittendrin merke: „Hey, das wär eigentlich ganz nice als Button/ Washi Tape/ Sticker“ . Dann muss man schauen, dass man es noch in die richtige Form bringt. Ich find’s auch immer wieder cool, wenn ich Leute sehe, die meinen Merch tragen. Einmal saß ich in meinem Lieblingscafé und die Person am Nebentisch hatte einen meiner Sticker auf ihrem Laptop. Sowas freut mich natürlich.

„Himmelblau" ist dein erstes eigenes Buchprojekt — du bist hier nicht nur Illustratorin, sondern auch Autorin. Wie war das für dich, plötzlich nicht nur die Bilder zu verantworten, sondern auch die Geschichte?
Ich hatte erstmal krasses Imposter-Syndrom. Ich hab mich nie als eine Person gesehen, die jetzt besonders gutes Storytelling betreibt, weshalb mir am Anfang auch alles nicht so leicht von der Hand ging. Das Zeichnen ist nun mal eher meine Stärke. Aber irgendwann musste ich halt über meinen eigenen Schatten springen und einfach machen. Ich glaube, das ist das Geheimnis einer funktionierenden Kreativpraxis. Einfach erstmal irgendwas auf‘s Blatt bringen. Gut machen kann man‘s dann später noch. So bin ich es angegangen und auch immer noch zufrieden mit dem, was dabei rauskam.
Wie würdest du „Himmelblau" jemandem beschreiben, der noch nie davon gehört hat?
Ich sage immer: „Himmelblau" ist ein autofiktionaler Comic über den Heilungsprozess nach häuslicher Gewalt. Beim letzten Wort werden manche Leute dann sehr ernst, weil es für viele nunmal ein unangenehmes Thema ist. Aber ich glaube nicht, dass der Comic besonders unangenehm zu lesen ist. Es geht in erster Linie um das Danach, um das Überleben und Weiterleben nach einer traumatischen Situation. Um einen banalen Alltag, der doch ganz neu ist. Und das ist in vielerlei Hinsicht etwas Schönes. Zwischendurch gibt es natürlich Situationen, die schwierig oder gar überwältigend für die Protagonistin sind, so wie es in jedem Heilungsprozess gute und schlechte Phasen gibt. Aber trotzdem ist die Grundstimmung des Comics eher hoffnungsvoll und es schwingt in vielen Szenen ein gewisser Humor mit.


In „Himmelblau" sind die Figuren Tierwesen: Welche Tiere tragen für dich bestimmte Eigenschaften oder Gefühle — und wie helfen sie dir dabei, über Heilung zu erzählen, ohne zu vereinfachen?
Poppy, die Protagonistin in „Himmelblau“, ist als Kaninchenwesen dargestellt. Wie schon gesagt, haben Kaninchen sehr viel mehr Persönlichkeit als man meinen mag. Ja, sie sind klein und niedlich und können nicht viel ausrichten, aber sie sind auch genauso frech und tough. Ich wollte unbedingt mit dieser Tiersymbolik spielen und sie an manchen Stellen eben auch brechen, ähnlich wie auch die Geschlechterrollen in der Geschichte. Poppy ist durch ihr Tiersein visuell distanziert von Leser*innen, was dazu beiträgt, dass sich ganz verschiedene Leute mit ihr identifizieren können. Ich wollte irgendwie auch vermeiden, dass sie so aussieht wie ich, um mich selbst etwas von ihr distanzieren zu können. Sie ist ihre eigene, eigensinnige Person - so, wie Kaninchen nun mal sind.

Gibt es eine Seite oder einen Moment im Buch, der für dich das Herz von „Himmelblau" ist?
Ungefähr in der Mitte des Buches gibt es eine Doppelseite mit einer Häuserfassade und Poppy, die gerade mit Kopfhörern die Straße entlang läuft (natürlich hört sie „Himmelblau“ von den Ärzten). Das war eine Seite, die ich schon sehr früh im Prozess gezeichnet habe, weil sie auf einem Tag im Frühling beruht, an dem der Himmel einfach unglaublich blau war und ich diese Lyriks gehört und wirklich mit ganzem Herzen gespürt habe. Ich finde, ich habe das Gefühl ganz gut eingefangen bekommen auf der Doppelseite.

Wie bist du mit „Himmelblau" beim JaJa Verlag gelandet — und was hat dich auf dem Weg vom Projekt zur Publikation überrascht?
Kurz nach meinem Masterabschluss im letzten Jahr bin ich mit der vorläufigen Version des Comics über die Leipziger Buchmesse gelaufen und habe sie verschiedenen Comicverlagen unter die Nase gehalten. Das war super gruselig, aber ich bin sehr froh, es genauso gemacht zu haben, weil ich bei sowas das persönliche Gespräch immer dem E-Mail Kontakt vorziehe. Ich habe viel gutes Feedback bekommen, auch von Verlagen, die mir dann doch abgesagt haben. Als ich beim Stand vom Jaja Verlag die Inhaberin Annette Köhn kennengelernt habe, hat sie mir mehr oder weniger direkt gesagt, dass sie das Buch gerne verlegen möchte. Irgendwie hat alles gepasst und wir sind beide sehr glücklich aus dieser Begegnung herausgegangen.




