Mitose (Mimose)
Wenn ich nicht am Meer wohnen würde, würde ich nicht mehr leben. Huh? Warum denke ich denn sowas? Irgendetwas nagt an meinen Körperteilen. Kostenlos kann man eine Bibel bestellen in Deutschland von verschiedenen Anbietern. Vornedrin sind Leseempfehlungen. Über Jesus. Hilfreiche Aussagen. Tägliches Leben. Die Ameisen kommen etwa beim Kühlschrank durch die Wand. Kaum mehr als Pappe, ich warte darauf, dass ich mal wütend werde, und dann boxe ich da durch. Die Bibel ist dunkelblau, und damit sitze ich am steinernen Pier. Ein Freund von mir kam immer zu Besuch, um ins Meer zu pinkeln. Seitdem gehe ich nicht mehr ins Wasser. Ich habe Angst davor, etwas davon aus Versehen zu trinken.
„Ich dachte nicht, dass das geht, ich bin ganz ehrlich mit dir.“
Ich auch nicht. Gestern habe ich mich dupliziert, aber nicht wirklich. Da bin ich, aber weiblich. Seitdem imitieren wir unsere Bewegungen, gehen genau den gleichen Gang, essen die gleichen Dinge, gucken gemeinsam auf die gleiche Stelle auf dem Wasser vor dem Fenster. Wir berühren unsere Schultern mit den Fingerspitzen. Das fühlt sich schaurig an. Wie als Kind, wenn der Fuß über den Bettrand hängt und die Monsterhände hervorkommen, um einen herabzuziehen. So fühlt sich das an, und synchron hören wir nicht auf, uns gegenseitig an den Schultern anzutippen.
„Ich war vor dir da“, stelle ich fest.
„Das stimmt.“
„Wenn also jemand gehen muss, dann du“, schlage ich vor.
„Warum muss irgendjemand gehen?“
„Ich weiß es nicht. Das ist einfach so, wenn man sich verdoppelt.“
Wir schlafen ganz eng verkuschelt, weil der eigene Körper gut in den anderen eigenen Körper passt. Und dann hören wir auf, synchron zu sein. Sie ist früher wach als ich. Ich habe nie gewusst, wie zerzaust meine Haare aussehen, nach dem Aufstehen. Und ich wusste nicht, dass mein Blick aufs Meer so aussieht. Wie als Kind, wenn man anderen beim Geschenkeöffnen zusehen musste, nachdem man ein Scheißgeschenk bekommen hat. So gucke ich aufs Meer. Und dann lehne ich meinen Kopf an ihr an. Ich mag sie viel mehr als mich, glaube ich.
„Ist das alles, was du den ganzen Tag machst?“, fragt sie mich.
„Wie meinst du?“
„Rumliegen und so.“
„Ja, schon.“
„Kein Wunder, meine Gelenke fühlen sich furchtbar an.“
Deswegen gehen wir am Strand laufen. Nicht nur laufen, joggen, und meine Füße versinken im Sand und treffen dort auf Stöcke und Steine. Ich hoffe, dass sie sich auch die Bänder reißt, wenn sie mir reißen. Sie ist viel schneller als ich, obwohl das mein Körper ist. Wie gemein. Ich japse, obwohl ich schon der Länge nach neben sie gefallen bin; wie sie ihre Arme über die Beine ausbreitet, angewinkelt, und ins Blaue starrt.
„Wäre es nicht total logisch, miteinander zu schlafen?“
Alles ist ganz doll bewölkt, hellweiße, weiche Wolken, ich bin vom Rennen so durcheinander, ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, ich bin nur froh, dass sich mein Atem wieder senkt, aber dann habe ich schon ihre Zunge im Hals. Nicht im Hals, das ist übertrieben. Ich könnte ihr die Zunge abbeißen gerade. Es fühlt sich an wie nach heißem Wetter ins kühle Wasser gehen, und dann ertrinken.
„Du solltest das Muttermal mal checken lassen gehen.“
Wir waschen uns, wie Affen sitzen wir abwechselnd hintereinander und schrubben den Rücken. Ich wäre viel lieber so wie sie, wenn ich ihre Haut sehe, anfasse, saubermache. Jetzt, da ich mit gebeugtem Rücken, den Kopf nach unten hängend, mir Gedanken über den Krebs mache, sehe ich meine hässlichen Füße auf dem Badboden. Was für hässliche Füße. Ihre Füße sind nicht viel weniger hässlich, das muss an mir liegen. Ich wäre so viel lieber sie. Jetzt, wo ich mich jeden Tag sehe, hören sie auf, diese spontanen Gedanken, dass ich sterben muss. Ich liebe (wie ich lache). Ich wusste nicht, dass die Welt mich (so) sehen könnte.
„Ich finde - wenn schon jemand von uns gehen muss – dann doch lieber ich“, schlage ich vor.
„Waswarum?“
„Du lebst mein Leben viel besser als ich.“
„Kann schon sein – (zu lange Pause)
aber ist es so nicht auch ganz lustig?“
Ganz aggressiv schüttle ich den Kopf ins Kissen. Und dann gehen wir raus, zum nahegelegenen Supermarkt in der Tankstelle, wo man friert, selbst im Sommer, und ich drücke den Kopf an den Kühlschrank mit Energydosen, und ich frage mich, ob ich schon genug gelebt habe, und wie ich mich auflösen kann. So in Luft. In so kleine, helle Pollenstränge, die man beim Vorbeiziehen beobachtet und hofft, nicht niesen zu müssen. Diese Genugtuung, wenn man sich schon wund geniest hat, nicht nochmal niesen zu müssen. Wenn man schon das Blut schmeckt, das aus der Nase kommt. Die Aufhebung des Ganzen (des Bösen). Das wäre ich gerne.
„Ich glaube, du darfst dich nicht ins Kühlfach stellen“, meint sie.
„Ich glaube auch nicht“, aber man macht es eben.

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