vogel, mein bruder
mein bruder ist ein großer vogel (was für einer) mit scharfen federn und bohrendem schnabel und schlitzenden krallen. seine flügelweite umfasst den raum, in dem wir aufgewachsen sind, den rauch, der sich seit jahren legt, in die ritzen des schlafzimmers, echtes holz, echtes holz, das splittert, legt sich in mein gesicht, das ein canyon war, da wächst haut drüber.
mein bruder sieht alt aus. ich erkenne ihn kaum, bis er den staub von der mikrowelle wischt, die papa im keller vergessen hat. er wollte sie felix schenken, wenn er auszieht. hoffentlich zieht felix nie aus. der staub, ist das papas haut? so ist das doch, die haut, fragmente einer person, die schuppt, sammelt, verdaut von hausstaubmilben, rausgeschissen, wieder in die ritzen, die kratzer, in den parkett, rastet ein.
die bewegung ist vertraut. mein bruder schneidet die luft mit einem flügel, schneidet den schmutz von der mikrowelle. er verkriecht sich in den ecken des betonierten kellers. federn sind schmutzabweisend. die schnelle, bestimmte bewegung ist es, die mich zusammenzucken lässt, und er bemerkt das, schneidet ein grinsen ins gesicht, das fast an papa erinnert, wenn papa ein vogel gewesen wäre. unser toter vater. füttert die erde. steckt im parkett.
willst du die?, fragt mein bruder. er ist kein singvogel.
ich benutze keine mikrowellen.
angst, dass dich die strahlung killt?
jetzt grinst er wirklich. mein bruder schlägt auf die mikrowelle, zwingt sie offen, inspiziert. sauber, fast. ein paar spritzer rot.
ich erinnere alles. federn schneiden gesicht. krallen krallen gurgel. die dunkelheit hat mir eine scheißangst gemacht. zuerst: das licht klickt draußen. seine rückkehr angekündigt. dann: schritte, schuhe, socken, manchmal barfuß klebrig am parkett (unter den füßen lag papa schon in teilen). die türklinke. angst balloon im bauch. zerplatzt.
mein bruder nimmt alte hemden, die ihm nie passen werden. papa war schmal wie ich. vielleicht will er sie, um an ihnen zu riechen, bis der geruch von papas sensitiv-waschmittel in die außenwelt übergeht. der gestank meines bruders sich in die fasern frisst. ich nehme die uhr, ich wische den staub nicht ab. der staub soll in die kratzer meines parketts fallen. in meiner nase rasten.
hey, alles wird gut.
ich nicke und dränge richtung kellertür. mein bruder breitet seine flügen aus. ich komm hier nicht vorbei. schlimmer noch. er will mich einspannen. er will, dass ich mich einspannen lasse. ich lasse mich nicht einspannen. oben wartet mein sohn auf mich. ich werde seine wange küssen. alles wird gut.
oben ist mein sohn. er trägt immer noch seine straßenschuhe, ein cola in der hand, der haarschnitt zu lange her. das trägt man so alles. felix ist dj. zuhause muss der die schuhe im vorzimmer ausziehen. ich neige mich zu ihm und küsse sein gesicht. er nimmt mich in seine arme.
kann ich dir etwas gutes tun? ich habe kekse mitgebracht.
magdalena trägt sein baby in ihrem bauch. sie trägt papas einzige enkeltochter mit den muskeln, die sie sich im ihrem eigenen pilatesstudio aufgebaut hat, und mit den knochen, für die sie zwei mal täglich kalziumtabletten schluckt. das hat sie mir bei der beerdigung erzählt. mit der vorwarnung: ihr männer versteht von solchen sachen wenig, aber. sie war auf mich zugekommen, christof? bist das du? ich habe genickt, aber ich konnte dieselbe sache nicht zurückgeben, weil ich ihren namen nie gelernt hatte, obwohl er auf der einladung zur hochzeit gestanden haben musste. sie hatte mich umarmt und gesagt: es tut mir so leid. ich hab ihn auch so lieb gehabt. aber du warst ihm am nächsten. eine beichte. die jahre seines sterbens hatten sich länger gezogen als irgendwer für möglich gehalten hatte. mein bruder war schnell gelangweilt. ich habe übernommen. magdalenas körper war so warm und ihre geschwollene mitte nahm den raum zwischen meinen rippen ein. das ist deine nichte. unfassbar: ein mädchen in dieser familie. bald da, rot, schrumpelig. ich habe magdalena gefragt, ob sie stark genug war für die sache, die kommen musste. ja, pilates, sie ließ mich ihren bizeps fühlen.
magdalena drängt darauf, dass ich ihren keks probiere. außen knusprig, innen schleimig weich. wie dein bruder, witzelt sie und ich würge. spucke die reste in ein stück küchenrolle. aus dem augenwinkel sehe ich meinen sohn und meinen bruder und sie sehen sich ähnlich mit ihren nervösen knopfaugen und sie lachen, klopfen einander auf die schulter wie zwei männer.
ich gehe weg. gehe die schritte von papa nach. überall ist er hier gegangen. man kann seine schritte nicht nicht nachgehen. ich spüre ihn hinter mir. er blockiert meine sonne, meinen sohn. ich habe jetzt eine stimme und könnte schreien. ich habe jetzt einen körper, ich könnte rennen. seine federn kratzen an meinem nacken, leicht genug, um die haut intakt zu lassen. er faltet seine flügel um meinen körper. ich habe einen körper, es stimmt, ich habe arme, die in fäusten enden. ich klopfe meine knöchel sachte, damit seine federn mich nicht schneiden.
schhhhh, singt mein bruder. alles wird gut.
er hält mich fester, sodass ich meine arme, die in händen enden, nicht mehr bewegen kann. ich gleite zwischen seinen flügeln zu boden, immer noch ummantelt. er ruft den namen meines sohns, der wie ein spatz auf mich zuhüpft, sich auf den boden kniet. er legt seine arme über die federn und ich kreische und mein sohn drückt fester, mein bruder drückt fester und ich drücke ab.




