von der scham: mir gehört alles und nichts
eine liste für die nächste sitzung mit meiner therapeutin, weil die scham von der leine gelassen werden muss; sie muss im schmutz und schutt sich wühlen und schnüffeln und schauen, was sie so zutage bringt.
drei gründe, weshalb es so geschehen ist:
i. ich habe es so geschehen lassen.
ii. die tomaten sind drei wochen zu spät errötet. sie erröten mehr als du beim geschmack der scham.
iii. ich muss mir gewitter verdienen.
halt! platz! zurück zur frage! (nicht vergessen soll ich mich ständig): egal, welche jahreszeit, ich falle immer ins spülbecken, stapel an dreckigem geschirr mit salatresten und dressingkruste verklebt, zwischen einzelne fussili und angebrannte pinienkerne. und ich höre nicht mehr auf zu fallen. (wie meine mama auch nicht. oder meine oma. von meiner uroma brauche ich gar nicht erst reden.) wut sammelt sich dazwischen und isst granatapfelkerne, archaische moderne pflichterfüllung und verantwortung. ich bin meiner heimat entkommen und muss sie immer noch aufrecht erhalten. sie ist die dunkle vision im abendrot, die mich immer verfolgt. (werde sie nicht los, meine heimat. eingefräst in meine knochen hat sie sich.)
die schuld in der magengrube, die da hockt, seitdem ich sechs bin, geht nicht mehr weg, egal was ich mache; sie wächst und gedeiht und bringt früchte hervor, in dessen geschichtetem fleisch ich herum wühle. (mama, was hast du mir da beigebracht?) deswegen schlucke ich ständig stacheldrahtzäune und bete nur noch in der u-bahn. (im vakuum kann kein gebet entkommen. ich auch nicht. sogar metall fürchtet sich vor rottendem rost.) vielleicht schmecke ich deswegen nichts mehr, weil meine zunge mittlerweile in fetzen hängt. vielleicht werde ich auch nur schon wieder krank. vielleicht muss ich aber auch nur endlich, bitte endlich, mal schlafen gehen. vielleicht habe ich aber auch das schlafen verlernt. genauso wie das sprechen. (scham aber bitte nur in voller zeitform!)
selbst geschichten aus der geschichte oder bibi blocksberg können mir jetzt nicht mehr beim einschlafen helfen, deswegen habe ich gestern dem schnee beim häuser bedecken zugeschaut. meine hände dabei rot und ich spüre keinen schmerz, der hat irgendwann zwischen der dritten und achten periode aufgehört. und dann durch verschneite berglandschaften scrollen, kurz hoffnung auf bessere orte und bessere zeiten spüren. (verdienen tue ich das nicht, das ist mir bewusst. ich klopfe ja nur noch an verschlossene türen an und frage mich, wann ich heim falle. habe vor langer zeit schon vergessen, wo ich bin – alles, woran ich mich erinnern kann, ist nur brachialgewalt und dunstiger nebel. da, wo kein einziger halm es wagt, durch die glasdecke zu brechen. meine heimat. hier nur zombies, die handeln, weil sie müssen, weil sie nicht anders können. hier werden fenster nicht geöffnet und auch nicht geputzt. hier enden nerven in stromfaserkabeln. hier sprechen wir in konzentrischen abwesenheiten, in kleinlautem klopfen auf holz, weil alles was schief gehen kann, auch schief gehen wird. hier gibt es kein happy end (doch nicht für brachlandflächen, wo kommen wir denn hier sonst hin?), keine himbeersträucher und dezemberblütenhonig. bugs got a devilish grin.)
ich kann also seit sechs monaten nicht mehr schlafen und meine therapeutin fragt mich regelmäßig danach. dabei ist doch mein magen verknotet und jetzt atmet ein neues jahr, in welchem du mich nie berührt hast. crashkurs im molotowcocktails, es könnte schlimmer sein! dann hat es wohl so sein müssen! wird da gesagt. (bitte lasst doch schmerz einfach mal schmerz sein, einfach mal rohe wülstige auswüchse. lasst mich doch einfach mal sein.) aber nein, manchmal wird da auch gesagt: vielleicht war ich dir nie dünn genug, vielleicht hättest du mehr tief definierte rippenbögen und abtastbare schlüsselbeine an mir sehen müssen, ausgeschnitten wie aus zeitschriften, aufgeschmiert und auftoupiert. vielleicht hätte ich meine beine öfter rasieren, oder meine haare färben müssen, damit ich für dich als subjekt erscheine. (erst als subjekt wirst du mit respekt behandelt! das erklärt so einiges.) vielleicht, vielleicht, vielleicht ist es aber auch einfach immer meine schuld.
immer immer meine schuld, muss ja an mir liegen, dass ich keine beziehung halten kann. (vor einer wie dir rennen’se ja weg!) meine schuld, dass nils nicht mehr mit mir reden kann, seitdem schluss ist. meine schuld, dass du mich betrügst. und belügst. (aber lieber ins gesicht spucken als ehrlich sein! das nennt ihr also männlich sein.) meine schuld, dass ich nicht selber darauf komme, dass ich für dich nur das aktuelle püppchen im aufmerksamkeitsspielchen bin. meine schuld, dass ich daraus keinen „lerneffekt“ ziehen kann und selbst schluss mache. selbst schuld bin ich. (wer mag mich schließlich? bin ja schließlich nur ich, schließlich nur eine frau.)
immer immer meine schuld. dann hat es wohl so sein müssen!
(und atmen nicht vergessen, jaja therapiesprech.)
ich kann also seit sechs monaten nicht mehr schlafen und jetzt bin ich in therapie und gebäre da schuldeingeständnisse wie ein mastvieh. gebäre die worte, die sich am boden krümmen und in ihrer gebärmutterschleimhaut wälzen, das fieberhafte rauspressen im wahn. meine therapeutin meint, ich sollte lernen, mich zu öffnen (nicht zu kotzen und die scham in meiner magengrube konsequent benennen, die da hockt, seitdem ich sechs bin):
i. bin auf die welt gekommen mit dem gewicht der scham auf meinem schulterkreuz, meiner mama so viel schmerz bereitet. (wo sie recht hat.) in die scham hineingewachsen, keine kinder bekommen zu können. die scham, in einer kaputten ehe kinder aufzuziehen. die scham, nicht gehen zu können. alles meine schuld. (meine schuld, dass sie sich getrennt haben und meine schuld, dass sie nicht zusammen bleiben konnten. meine schuld, dass papa sich daraufhin das leben genommen hat.) da ist nichts, was bleibt, und trotzdem bleibt der geschmack von galle.
ii. ich möchte mich immer ein bisschen hassen, mama, das hast du mir so beigebracht. (kein wunder, du lagst schließlich vier tage in den wehen mit mir.) ich bin deine ausgeburt der wut und schneide mir nur selbst ins eigene fleisch. brachialgewalt, das blut zwischen meinen beinen abgestorbene zellen so wie ich. brachialgewalt, wie ein herz blut durch den leib pumpt und ich frage mich, warum es jemanden wie mich am leben hält. das bluten passiert nur im privaten, niemals im öffentlichen raum, das hast du mir so beigebracht. du bist eine frau, dann hat es wohl so sein müssen! du bist eine frau, natürlich ist es deine schuld! (das nennt ihr also erbsünde.) warum solltest du ein subjekt im raum sein sollen? weder psychologisch ausdifferenziert, noch glanzleistungen im intellektuellen weitsprung, kleines. geh doch lieber auf die andere bahn! (immer etwas, was nichts wiegen soll!)
iii. ich hasse das alles und bin trotzdem süchtig danach, dass es immer meine schuld ist, dass es immer schlimmer wird. dass am ende alles in brand steht. manchmal träume ich im wachzustand davon, eingeschläfert zu werden. wieso auch nicht, wenn die scham in mir sitzt, an meinem bustkorb rüttelt und kreischt, dass ich es bin, die falsch liegt. um auf ihre frage zurück zu kommen! die scham: mir gehört alles an ihr und nichts von mir.
iv. meine angst sitzt immer noch in meinem solar plexus, wenn mich meine therapeutin danach fragt. sie fragt mich oft danach und will anscheinend auch nicht wieder aufhören damit. ich schäme mich fast, ihr zu sagen, dass ich blut spucke, wenn ich an sie denke. was ist bitte schon schicksal? gewalt belohnung bürde. wen sehe ich im spiegel? gewalt belohnung bürde.
v. mir gehört mein körper nicht, er ist von scham zerfressen. ich hasse ihn. jedes einzelne dunkle haar auf meinem kopf, an meinen beinen, auf meinem gesicht, zwischen meinen brüsten.
mir gehört also alles und nichts, nur die wunden, die ich lecke wie ein verhungerter köter. aber keine wut, die bleibt, bitte. keine wut, die sich äußert – schreien will ich aber, in ausgekotzten und gebrochenen ausrufezeichen, will ich alles hinausbrüllen, was in mich hineingestopft wurde. meine stimme, meine stimme! sagt nichts! doch, doch, sprich doch endlich!)
jetzt benenne ich also gewalt, auch wenn ich gar nicht weiß, wo ich da anfangen soll (bewege mich doch nur in konzentrischen kreisen! da ist keine abwesenheit!) und bekomme von meiner therapeutin nur stapelweise notizen zu meinem selbstgefährdendem verhalten und meinem unsicheren bindungsstil und dann schäme ich mich fast, ihr zu sagen, dass ich den stapel an dreckigem geschirr in meiner spüle mehr vertraue als ihr.




