Die seltsame Krankheit der Familie M.
Das Erste, was mir an Frau M.s Gesundheitszustand auffiel, war ihre außergewöhnliche Blässe. Möglicherweise wäre sie mir unter anderen Umständen gar nicht so sehr ins Auge gestochen, aber da sie von Kopf bis Fuß in dunkle Kleidung gehüllt war und das Haus, das ich erst so spät erreicht hatte, in diffusem Kerzenlicht lag, wirkte ihr Gesicht beinahe papierweiß. Vom Rest ihres Körpers sah man wenig. Sie trug einen schwarzen Rock und eine langärmelige, anthrazitfarbene Bluse; alles aus Seide oder einem anderen teuren Stoff. Dagegen wirkten ihre wollenen Fingerlinge, die beinahe nur die Nägel freiließen, erstaunlich grob. Ich denke, dass sie aber einfach zu sehr fror, um sie abzulegen. Beim Abendessen wickelte sie sich zusätzlich einen blau gemusterten Schal um die Schultern, da ihr unentwegt kalt zu sein schien.
Sie aß mit recht gutem Appetit. Ihr Mann und sie saßen an den jeweils gegenüberliegenden Enden des Tisches und die älteste Tochter, die mich verständigt hatte, und ich waren in der Mitte platziert worden. Es gab Rindfleisch in Rotweinsauce. Beim Austeilen der Teller kam es kurzzeitig zu einigen Konfusionen, weil ich zunächst dachte, Herrn M.s Teller sei für mich bestimmt. „Verzeihen Sie“, sagte er leise, „aber das ist meiner.“ Ich reichte den Teller natürlich sofort weiter, war aber etwas verwundert, weil es für alle eigentlich dasselbe Essen gab. Herrn Ms. Portion schien lediglich etwas kleiner zu sein als die der anderen. „Ich esse eine spezielle Diät“, erklärte er entschuldigend. Dies brachte mich natürlich sofort darauf nach eventuellen Unverträglichkeiten oder Krankheiten auch auf Frau M.s Seite zu fragen, aber sie winkte nur ab. „Mit mir ist alles in Ordnung“, sagte sie lächelnd, wobei sich ihre trockene Haut um den Mund herum in Falten zog, „manchmal fühle ich mich nur ein wenig schwach, aber ich habe meiner Tochter schon häufig gesagt, dass es völlig unnötig war Sie zu holen. Ich brauche keine Ärzte.“
Ich sah sie erst am nächsten Abend wieder, als es draußen schon begann dämmrig zu werden. Das Licht im gesamten Haus war ebenfalls gedimmt und diffus, sodass ich sie bis dahin nie ganz klar hatte erkennen können. Sie wirkte vor meinen Augen wie eine grobkörnige, verschwommene Schwarzweißfotografie. „Ich hatte gehofft Sie heute Mittag untersuchen zu dürfen“, sagte ich vorsichtig, „Ihre Tochter macht sich sehr große Sorgen um Sie. Sie sagt, Sie seien schon seit langer Zeit sehr schwach und kränklich.“ Frau M. lächelte nachsichtig. Ihr Gesicht wirkte wie eine zweidimensionale Papiermaske, deren Haut sich flach über die Knochen spannte. „Ich habe mich nur tagsüber ausgeruht“, wich sie aus, „und mir geht es an sich gut“. „Sie braucht nur etwas mehr Ruhe“, sagte Herr M., der plötzlich aus irgendeinem Winkel des Korridors aufgetaucht war, leise wie ein Schatten. Ich erschrak unwillkürlich. Er tätschelte seiner Frau aufmunternd den Arm, aber sie zuckte zurück und machte ein Geräusch, als hätte die Berührung große Schmerzen verursacht. Dann ging sie rasch den Korridor hinunter zu ihrem Zimmer.
Ich merkte natürlich, dass ich bei Herrn und Frau M. unerwünscht war, aber es war schließlich ihre Tochter, die mich bezahlte und ausdrücklich auf meinem Bleiben bestand. Am nächsten Tag gingen wir zu viert draußen ein wenig spazieren. Es war sehr windig, was Frau M. immer einige Schritte hinter uns anderen zurückwarf. „Würden Sie lieber zurück ins Haus gehen?“, fragte ich besorgt, als ich sah, wie schwach sie war. Sie nickte dankbar. Bei Tageslicht sah ihr Gesicht noch fahler aus als im abendlichen Kerzenschein. Die graue, spröde Haut ließ mich sofort an Blutarmut denken. Ich war so in meine Gedanken versunken, dass ich fast den merkwürdigen Fleck übersah, der sich auf ihrem unteren Blusenärmel abzeichnete, als sie den Mantel drinnen auszog. Er war noch dunkler als der dunkle Stoff und schon halb getrocknet. Als Frau M. meinen Blick bemerkte, warf sie sich hastig ihren Schal über.
Ich sprach nachmittags mit ihrer Tochter darüber. „Ich habe tatsächlich schon häufiger solche Flecken auf ihrer Kleidung entdeckt“, sagte sie und brachte mir etwas später eine Auswahl der Kleidung ihrer Mutter, die sie heimlich aus deren Schrank entwendet hatte. Die Flecken waren inzwischen getrocknet, aber als ich daran roch, bemerkte ich einen noch immer leicht metallischen Geruch. „Wir müssen unbedingt mit Ihrer Mutter sprechen“, sagte ich aufgeregt, „sofort.“
Wir fanden Frau M. in ihrem Morgenmantel im Schlafzimmer vor. Wir hatten nicht geklopft und sie stieß einen kleinen Schrei aus, als wir einfach zur Tür hereinkamen. „Sie müssen sich bitte einmal frei machen“, sagte ich ohne weiteres Vorgeplänkel und Höflichkeiten, aber Frau M. genierte sich offenbar und zierte sich eine ganze Zeit, bis ihre Tochter ihr den Morgenmantel schließlich einfach herunterriss. Frau M. zuckte zusammen und eine hektische, fleckige Röte überzog ihr Gesicht, während sie versuchte sich das Kleidungsstück schnell wieder anzuziehen. Da hatten wir aber schon die Wunden bemerkt. Sie waren überall auf ihren Ober- und Unterarmen und auch an den Beinen und Hüften. Einige waren schlecht verheilt, hatten einen ausgefransten Rand und sahen aus wie Hundebisse. Andere waren quadratisch und besser verheilt, als hätte man einen kleinen Quader feinsäuberlich herausgeschnitten. Frau M. zog sich hastig den Morgenmantel wieder über. „Es ist überhaupt nicht schlimm“, sagte sie rasch, aber sie wirkte peinlich berührt, „es geht mir sehr gut. Und das Skalpell ist immer ganz steril“. „Offensichtlich nicht immer“, sagte ich und zeigte auf einige eiternde, bissartige Wunden. „Oh“, sie winkte ab, „das war noch am Anfang. Da hat er mich einfach überrascht und direkt gebissen“. Sie errötete etwas verschämt. „Ihr Mann?“, fragte ich. Sie nickte. „Es begann ganz plötzlich“, sagte sie leise und zuckte die Schultern, „ich denke es war irgendeine Mangelerscheinung oder Krankheit bei ihm. Es ging ihm sehr schlecht damals und dann, auf einmal, biss er mir eines Tages einfach in den Arm und biss ein Stück aus mir heraus. Er war ein wenig schockiert über sich selbst, aber er hatte solchen Hunger, dass er es einfach roh herunterschluckte. Er tat es danach noch mehrere Male und es ging ihm immer besser. Aber er fand es natürlich etwas peinlich und hätte sich geniert, wenn andere Leute diese groben Bisse gesehen hätten. Da kam ich auf die Idee mit dem Skalpell. Inzwischen braten wir das Fleisch auch, sodass es besser bekömmlich ist. Und sehen Sie, es geht ihm wieder gut“. „Sie müssen sofort damit aufhören“, sagte ich, „Ihnen wird es auf Dauer nicht gut damit gehen.“ Frau M. seufzte und zog sich den Morgenmantel wieder über. „Aber es wächst doch nach“, sagte sie, „und es schmeckt ihm so gut. Bitte sagen Sie niemandem etwas davon!“




