Iraner*innen der Diaspora
Als ich diesen Begriff zum ersten Mal hörte, fand ich ihn seltsam. Was sollte das überhaupt bedeuten? Hatte das „Iranisch-Sein“ plötzlich eine andere Bedeutung bekommen, von der ich nichts wusste?
Ich, eine Iranerin in der Diaspora, bin dieselbe Iranerin wie jene, die im Iran leben. Der einzige Unterschied ist, dass ich meine Heimat verlassen habe, um ein anderes Leben kennenzulernen. Nicht, weil ich mein Land weniger liebe, sondern weil ich bereit war, mit dreißig noch einmal ganz von vorne anzufangen in einer anderen Sprache, mit der ständigen Angst, beurteilt zu werden und nie ganz zu genügen.
Ich bin diejenige, die sich von ihrer Mutter verabschieden musste, ohne zu wissen, wann sie ihren Duft wieder einatmen würde. Mütter haben einen Geruch, den es nur einmal gibt. Ich erinnere mich an meine letzte Nacht vor meiner ersten Migration. Meine Mutter schlief neben mir und ich nahm heimlich ihr Atmen auf, um es später hören zu können. Doch ich habe diese Aufnahme nie abgespielt. Nicht, weil ich sie nicht vermisst hätte, sondern weil mein Herz die Entfernung zwischen uns nicht erträgt. Manche glauben, wer auswandert, verliere nichts. Doch ich habe die gemeinsame Zeit mit meiner Mutter verloren. Während wir beide älter werden, wächst die Zeit zwischen uns und keine Zukunft wird uns diese Jahre zurückgeben.
Ich verlor auch das Zuhause, das ich mit meinem Mann aufgebaut hatte, und die Zukunft, die wir uns in unserem eigenen Land erträumt hatten. Sogar manche Gefühle gingen verloren, weil ich sie in einer fremden Sprache nicht ausdrücken konnte.
Über diese Verluste spricht kaum jemand. Die Menschen sehen nur, was wir gewinnen. Dabei kann man dankbar für ein neues Leben sein und zugleich um das trauern, was man zurücklassen musste. Vom Auswandern zu träumen und tatsächlich auszuwandern, dazwischen liegen zwei völlig verschiedene Welten.
„Die iranische Diaspora.“
Ich hätte nie gedacht, dass Krieg sogar die Bedeutung von Wörtern verändern kann.
Plötzlich scheint eine Iranerin, die außerhalb ihres Landes lebt, ihre Zugehörigkeit verloren zu haben.
Als hätte sie nie gesehen, wie Kinder, statt zur Schule zu gehen, auf den Straßen arbeiten oder Frauen wegen einer einzigen Haarsträhne verhaftet werden oder queere Menschen hingerichtet werden. Als wüsste sie nichts von den immer leerer werdenden Esstischen oder von einer Generation, die den Glauben daran verloren hat, dass Bildung noch den Weg zu einem würdevollen Leben ebnen kann.
Du sagst: „Ich habe in den letzten Jahren miterlebt, wie sehr du versucht hast, den Menschen den echten Iran zu zeigen. Wie du mir gezeigt hast, dass Iran viel mehr ist als die Bilder und Klischees, die wir kennen.“ Und ich denke: Ja. Ich habe immer versucht, für Menschen, die Iran nicht kennen, ein Stück Iran zu sein.
Freundlich. Authentisch. Gastfreundlich. Fleißig. Würdevoll. Großzügig. Denn wenn ich an Iran denke, sehe ich nicht nur ein Land. Ich sehe die Vielfalt seiner Völker, seiner Sprachen und Kulturen. Alles, was ich heute bin, habe ich auch von meiner Heimat gelernt.
Aber jetzt herrscht Krieg.
Und nur weil sich mein geografischer Ort verändert hat, bin ich plötzlich keine Iranerin mehr?
„Du wirkst heute völlig durcheinander“, sagst du.
„Ja“, antworte ich. „Weil Krieg nicht an den Grenzen endet. Der Feind lebt auch in mir. Er verletzt meine Seele.“
Ich spüre den Krieg mit meinem ganzen Körper. In meiner Haut. In meinen Knochen. Und doch scheint die Welt mich zum Schweigen bringen zu wollen, sobald ich über diesen Schmerz spreche.
„Wie kann das sein?“, fragst du.
„Ich weiß es selbst nicht“, antworte ich. „Bis gestern war ich einfach Iranerin. Seit dem Krieg scheint das nicht mehr zu genügen. Als hätte die Entfernung meine Stimme weniger glaubwürdig gemacht.“
Ich habe mein ganzes Leben gegen die Bilder gekämpft, die das Regime über unser Land gelegt hat. Gegen Vorurteile von außen und gegen die Wunden, die sie in uns hinterlassen haben. Manche heilen nie. Man lernt nur, mit ihnen zu leben. Ich senke den Blick.
„Und trotzdem muss ich mich plötzlich dafür rechtfertigen, wer ich bin.“
Du schüttelst den Kopf. „Für mich wirst du immer Iranerin bleiben. Das, was du in dir trägst, kann keine Grenze verändern.“
Ich atme tief ein. „Genau das glaube ich auch. Ich wollte nie etwas anderes werden. Ich bin Iranerin und in eurem Land nur ein Gast.“
„Warum bist du dann so verzweifelt?“
„Weil ich müde bin. Weil ich Heimweh habe.“
„Wonach?“
„Danach, einfach wieder Iranerin sein zu dürfen.“
Vielleicht wirst du meinen Schmerz nie ganz verstehen. Aber manchmal genügt es, dass jemand bereit ist zuzuhören.
Ich sage zu dir: „Seit Krieg herrscht, habe ich verstanden, dass Menschen plötzlich neue Identitäten bekommen. Nicht, weil sie sich verändert haben, sondern weil andere sie anders sehen.“
„Was hat sich denn verändert?“.
„Ich weiß es nicht. Seit dem Krieg hat sich meine Rolle verändert. Heute nennt man mich Iranerin der Diaspora“.
Das sagt man, um mich zum Schweigen zu bringen. Um mir das Recht abzusprechen, über mein eigenes Land zu sprechen.
Sie sagen, ich sei Iran fremd geworden, weil ich nicht mehr dort lebe. Dass ich nicht verstehen könne, was dort geschieht. Dass meine Worte keine Glaubwürdigkeit mehr hätten.
„Aber du kommst doch genau aus diesen Straßen und Gassen Irans.“
„Ja“, sage ich leise. „Ich gehöre noch immer dorthin. Aber seit Krieg herrscht, scheint das nicht mehr zu genügen. Die Welt hat endlich erkannt, dass unser Kampf schon seit Jahren im Inneren unseres Landes stattfindet. Und trotzdem will sie nicht sehen, dass wir all die Jahre für Veränderung gekämpft haben. Dafür, unsere Würde, unsere Freiheit und unsere Wurzeln zu bewahren.“
„Warum sollte irgendjemand dir das Recht nehmen, über dein eigenes Land zu sprechen?“
Ich sehe dich schweigend an. Plötzlich begreife ich, dass selbst jemand, der nie in meiner Situation war, allein beim Gedanken daran verwirrt und verzweifelt wird.
In diesem Moment verstehst du mich.
Nicht, weil du meinen Schmerz selbst erlebt hast. Sondern weil du bereit warst, ihn einen Augenblick lang mit meinen Augen zu sehen.
„Es muss furchtbar sein“, sagst du leise, „gleichzeitig Krieg in deiner Heimat und Krieg in deinem Inneren zu tragen. Gegen einen Feind zu kämpfen, den jeder sieht und gegen einen, den fast niemand erkennt.“
Ich schaue dich an.
„Ich verstehe nicht, warum Menschlichkeit plötzlich selektiv wird. Warum es wichtiger geworden ist, wer wen tötet, wer wem Leid zufügt oder wer wessen Rechte verletzt. Sollte Unrecht nicht einfach Unrecht sein?“
„Glaubst du“, frage ich leise, „dass Freiheit für die Menschen noch denselben Wert hat? Oder haben wir uns daran gewöhnt, Gefangene unserer Vorurteile, unserer Ängste und unserer alten Denkmuster zu bleiben?“
Du schweigst einen Moment.
„Wie kann es sein, dass Frauen für ihre Freiheit aufstanden, verfolgt, verhaftet, gefoltert oder getötet wurden und dennoch nicht Angst, sondern Mut hinterließen? Den Mut, die Freiheit weiterzutragen, für die so viele ihr Leben gegeben haben.“
Du sprichst von Mahsa Amini. Du erzählst von den Bildern, die du gesehen hast: Frauen und Männer, die Seite an Seite demonstrierten. Gemeinsam verfolgt, gemeinsam verhaftet, gemeinsam verurteilt.
„Das“, sagst du, „ist für mich wahre Freiheit. Nicht, weil Menschen für sich selbst kämpfen, sondern weil sie bereit sind, für die Freiheit anderer alles zu riskieren.“
Zum ersten Mal höre ich meine eigenen Gedanken aus dem Mund eines anderen Menschen.
„Du weißt“, sagst du leise, „dass Mahsa Amini weder die Erste war noch die Letzte sein wird.“
„Ja“, antworte ich. „Und genau deshalb darf keine ihrer Geschichten vergessen werden.“
Du sagst mir, dass der 8. und 9. Januar niemals vergessen werden dürfen. Dass Blut sich nicht einfach abwaschen lässt. Dann sprichst du von den Tulpen.
Ich erinnere mich daran, wie ich dir einmal erzählt habe, dass die Tulpe in unserer Kultur für das Blut der jungen Menschen steht, das zu Unrecht vergossen wurde. Ich spüre, wie mir eine Träne über die Wange läuft.
„Es wird wieder gut werden“, sagst du leise. „Das Iran in dir wird eines Tages Frieden finden. Das Licht wird die Dunkelheit besiegen.“
„Die Menschen haben sich daran gewöhnt, gerade dann zu schweigen, wenn ihre Stimme den größten Unterschied machen könnte. Vielleicht ist es leichter, nur in die Vergangenheit zu schauen, als Verantwortung in der Gegenwart zu übernehmen.“
„Weißt du“, sage ich, „ich glaube, ich lebe in einem Glaskäfig. Ich schreie. Die Menschen sehen mich, aber sie hören mich nicht. Niemand versucht, das Glas zu zerbrechen, obwohl es nur Glas ist. Vielleicht ist nicht das Glas das Stärkste, sondern die Angst der Menschen, es zu berühren.
Du nimmst meine Hand. „Du bist Iranerin“, sagst du. „Es spielt keine Rolle, was andere behaupten. Der Iran in dir reicht tiefer als jedes Urteil und jedes Wort.“
Du bittest mich, die Stimmen der Zuschauer hinter mir zu lassen. „Freiheit“, sagst du, „findet immer ihren eigenen Weg.“
Ich atme tief ein. „Unsere Welt wirkt von außen ruhig, während in uns ein Krieg tobt. Und als wäre das nicht genug, versuchen manche Menschen, uns sogar unsere Identität zu nehmen. Dabei haben wir unsere Heimat nie zurückgelassen. Wir tragen sie seit dem Tag unserer Ausreise in uns.“
„Ich kann die Welt nicht verändern“, sagst du. Dann erinnerst du mich an die Geschichte Irans. An all die Invasionen, die Zerstörung und die Dunkelheit, die dieses Land erlebt hat und trotzdem Iran geblieben ist. Diese Wurzeln sind älter als jeder Krieg.“
Deine Worte erreichen mein Herz. Ich vermisse meine Mutter. Für einen Augenblick fühlen sich deine Worte an wie ihr Duft. Als hätte sie mich in den Arm genommen.
Und plötzlich begreife ich: Meine Wurzeln reichen tiefer als die Urteile anderer.
Ich denke an Rumi. Seine Worte klingen in mir nach:
„Entzünde dein eigenes Licht.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit glaube ich, dass auch in mir noch etwas leuchtet.




