Metall schmilzt (und wie du es trinkst)
Editorial: Dieser Text behandelt eine sehr spezifische, non-binäre Angst, für einen männlich gelesenen Partner nicht männlich genug; für eine weibliche gelesene Partnerin nicht weiblich genug zu sein (als performance). Diese Angst wird unter anderem durch den Wunsch nach physischer Ungeschlechtlichkeit der Partnerperson ausgedrückt, der in diesem Kontext für sich und nicht im Widerstreit mit feministischen Bestrebungen stehen soll, die körperliche Geschlechtlichkeit wertzuschätzen und zu enttabuisieren.
1
Dein Vater hat dir eine kleine Orgel vererbt. Ich hab sie im Rucksack und werde sie im Laufe des Nachmittags den Bach runterwerfen und fließen lassen. Du willst einen Mann lieben und ich will keiner sein, also muss all das sterben, was dich hat Mann werden lassen.
Ich ziehe Fäden aus deinen Fingerspitzen, jedes Mal, wenn du meinen Körper hältst. Das Gewebe an Strängen wickelt sich um meinen Hals und du ziehst zu (ohne zu wissen, dass da etwas ist).
Wenn wir miteinander schlafen, jaule ich, und das brauchst du. Ich brauche alles, und du hast nichts.
Bis zu dreimal im Jahr nennst du mich entweder wie deinen Vater oder deine Mutter, und Letzteres tut weniger weh. Du lebst in ihrer Wohnung und ich jetzt auch.
Wenn du heimkommst, und ich habe noch Kleid an, dann trägst du immer so einen verächtlichen Blick, dann ziehen sich deine Mundwinkel nach unten und dann hast du plötzlich Falten im Gesicht, und dann wirkt es so, als wäre ich die eine große Last in deinem Leben, aber nicht, weil ich Ich bin, sondern weil da dieses Kleid ist, und das passt dir nicht (und mir passt es auch nicht). Ich habe dieses eine große Kleid von meiner Mutter und das hast du versenkt (in der Biotonne, letztes Wochenende, unter Melonenschalen, während ich nicht da war); ich versenke heute also deine Orgel und breche damit jeden deiner Knochen lautstark zweimal.
Eigentlich bist du doch meine große Erkenntnis, weil ich einen Körper wie deinen zu halten fürchte. Eigentlich solltest du doch der sein, der.
Ich debattiere es, rauf und runter am Bachgang. Wieso du es nicht sein wolltest, der (mich ganz macht). Die Orgel ist ein kantiges Stück. Sie steht bei dir seit immer auf einem einzelnen Stehtisch in der Ecke. Du spielst sie nicht. Dein Vater hat an Weihnachten für seine Student:innen Lieder gespielt, und das so oft, dass er es unter der Demenz nicht vergessen hat. Jetzt ruckelt das schwere Ding in meinem Rucksack von Schulterblatt zu Schulterblatt, beult die Ecken der klobigen Tasche aus und zieht meine Schultern zehrend nach unten. Ich frage mich, ob ich sie mit aller Kraft in halbem Bogen werfen will oder legen (und ob ich ein Foto davon schieße; dir es zu schicken).
An ihm hat es nicht gelegen, dass du geworden bist, wie du geworden bist. Vielleicht wusste er es, dass ich kein Mann an deiner Seite bin, und hat deswegen bei jedem Besuch, später in seinem Leben, meine Hände gehalten.
Du hältst meine Haare fest, wann immer du sie zu fassen bekommst.
Das macht es einfacher, weißt du?
Wie brutal, der Gedanke, dass dich zu lieben und zu verlassen, auf das Gleiche zurückgehen.
Wenn du nicht da bist, denke ich beim Masturbieren an uns und trage Frauenkleider (fick dich).
Ich werde ein Foto machen, ich habe die Orgel und ihre Splitter zwischen zwei Steine im Flusslauf geschmettert. In meinen Benachrichtigungen ein Haufen verpasster Anrufe von dir. Auf meinem Display das volle Grün des Ufers mitten in die Lichtflecken gesetzt.
Ich sitze lange dort, und warte, bis die Sonne wandert, und sich Hell und Dunkel in das feine Holz sähen.
Das ist dein Erbstück (und ich halte einen gebrochenen Teil davon in der Hand). Ich berühre gerade mehr davon als du vermutlich jemals. Ich frage mich, ob ihr mal zusammen darauf gespielt hattet. Und ob du sie deswegen nicht wahrhaben kannst, und ob sie trotz dem bei uns in der Ecke steht. Stand, jetzt nicht mehr, die Splitter spülen sich davon. Die Instandhaltung fällt hiermit nicht mehr auf mich. Bronchien reinigende Atemzüge von modrig grüner Uferluft befreien mich von dem Schmerz, den dein Vater verursacht hat – ich hatte jahrelang mitgeerbt (deswegen wohne ich mit bei dir).
Eine so kleine Orgel überlebt überraschend lange allein, wenn man sie in Ruhe lässt.
Wieder rufst du an.
Was du wohl sagen würdest, würde ich jetzt rangehen?
Ich habe mich mit Klamotten zur Orgel in den Bach gelegt, sie seitlich mit dem Arm umschlossen. Weißer Saum kräuselt sich wie durchsichtige Seerosen in und durch die Lichtfetzen. Hier ist der Ort, an dem du uns liegen lassen kannst.
Sorge dich nicht! Wir sind angekommen.
2
Ich sehe vor mir, wie du träumst. -
Du hast vergessen, wie es ist, Wärme zu spüren im Wind. Ganz arg festgebunden, mit deinen eigenen, in die Länge gezogenen Armen, zitterst du vor mir ein Du-förmiges-Loch in den Boden. Du bist so klein, wenn ich darüber nachdenke. Und ohne dass es auffällt, schaffst du es Tag für Tag, dich größer zu machen.
Mit meinen Fingerspitzen versinke ich in deinem kahlen Kinderkopf und beobachte, welche Worte du wählst, wenn du mich beschreibst. Und ich zähle auf, wie oft, wann und wo du meinen Namen re- und rezitierst, in deinem immer weiter wachsenden Erdloch.
Ich sehe vor mir. -
Und da ist nichts außer uns und der Erde.
Nebel. In unserer Mitte die Orgel, und sie spielt sich von selbst.
Du träumst von schon getragenen Sachen, die du wäschst, aufhängst, und dann fressen sie dich auf, während sie an deinem Körper sind. Du träumst von Verfolgung, und in deiner Flucht legst du zu, indem du schneller durch Reels scrollst, und ich wünschte mir, du würdest von größeren Dingen träumen.
Von Befreiung und Leben. Wenn ich es mir wirklich wünschen könnte, wünschte ich, du könntest sie spielen, jede einzelne Taste, mit einer Vorsicht, die nur dir gehört, und ich wünschte, dass es laut klingt, ganz laut, damit niemand an dir zweifelt, wenn du dann doch spielst.
Aber dir sind die Hände gebunden, und mit den Händen deine Arme.
Du träumst von Krieg, obwohl du verweigern willst, und davon, dass dich jemand am vollgestellten Bürotisch anschreit, obwohl du nicht davon abhängst, zu arbeiten (der Thron, auf dem du sitzt, geht tief in deine Nerven und Adern, ich weiß, aber du hast es so gut, es ist unglaublich, wie gut du es hast).
Ich spiele schiefe Töne auf der Orgel und sie schneiden dir ins Fleisch. In der Hocke vor dir, Tüll zwischen die Beine geklemmt, jeden einzelnen Finger auf die Tasten legend, du ganz tief in der Erde, sinkend, wie schön du doch bist.
„Bell für mich.“
Du guter Hund mit falscher Haut, wenn dich jemand so sehen könnte, wie du bist, gäbe es mehr an dir zu lieben, als es Tage im Leben gibt.
Ich schwebe zu dir und klettre unter deine Arme und greife in deinen leer gelaufenen Schritt. Wenn wir miteinander schlafen könnten, so wie ich es will, wäre es so. Ich will nicht mehr, dass du Mann bist, genauso sehr wie du willst, dass ich es bin. Ich will dich endlich wieder küssen, so sehr flitzt dein neuer, flacher Rumpf durch die Bahnen meines Körpers.
Du würdest mir Luft zum Atmen geben, wenn du anders wärst.
In keiner Welt gibt es einen Menschen, der dein Durcheinander entwirren kann, und ich ziehe und ich ziehe an deinen elastisch-langen Armen, während du mich küsst, und ich dich zurück, und ich drücke den Kopf in deinen Hals und ich atme und ich ziehe an deinen Fingern und ich drücke deine Hand an meine Brust, wo mehr sein müsste, mehr von mir und mehr für dich, und du fühlst mich, und ich fühle mich zum ersten Mal an dir, wie ich da ziehe und ziehe, an deinen Seilen und Fäden, aber du löst dich nicht auf.
Wann sind wir so alt geworden?
Dass da mehr sein muss als wir selbst.
Während ich auf dir sitze, die Knie vorm Kollaps in die Erde gedrückt, kämpfst du noch immer mit dem Klang der Orgel. Mit meiner Stirn an deiner Stirn,
träumst du wieder. -
Man darf nicht so alt werden, wenn man so jung ist wie du. Weil du bei jedem lauten Geräusch in Gedanken wieder als Kind bei dir zuhause in der Tür stehst. Und dann passiert dir alles wieder von vorn. Das ist es ja, dir passieren Dinge, das ist nicht deine Schuld, es ist eben so passiert. Ich wünschte du würdest das verstehen und nicht gegen alles und jede:n verwenden. Nur weil es einmal gilt, dass du keine Schuld trägst, heißt das nicht -
Mit meinem Hirn an deinem Hirn lenke ich die vor abgestandener Feuchte triefenden Bahnen deines Traums. Und prompt fällt der Schatten deines von Stress durchseuchten Vaters vor uns viel zu groß auf den Küchenboden. Das ist der Traum! Dass du stehen bleibst, zwischen Tür und Angel, und dir ist nichts passiert! Gar nichts! Du bist sicher! Ich wünschte, so würdest du träumen, ganz allein, ohne, dass ich da bin (sein muss). Ich würde dich
SO GERNE LIEBEN, WENN DU ANDERS WÄRST.
3
Der Durchzug unserer Wohnung schmeißt die Tür beim Heimkommen ins Schloss und das Echo prallt hörbar an dir ab, wie du im Raum nebenan aufstehst, aufspringst und in den Flur rennst. Jetzt bekomme ich die Quittung für den Verlust der Orgel, den Raub, den Totschlag. Du bist kleiner als ich. Wenn du auf mich zugehst, dann hab ich dich. Du kannst mir nichts.
Nur deine Hände sind zu groß für mich. Das erste Mal habe ich sie genommen, als wir im Aquarium standen, vor dem großen Becken mit der gewaltigen Glasscheibe, und als die Schulklasse in ununterscheidbaren Tönen zwischen uns hindurchstöberte, und deine Hand habe ich genommen, als es kurz still wurde und man den Staub hat fallen hören, zwischen all den Menschen, und man konnte ihn sehen, im einzigen Lichtstrahl, der unter die Erde fiel.
Du hältst mich damit, aber nie sachte.
Zur Salzsäule erstarrt, tropft der Schweiß von deiner Stirn und trägt darin, während du dich langsam über Jahrzehnte zersetzt, dein Wasser und Fett.
Dein Damm bricht.
Du bist auf deinem Laptop ausgeloggt von Netflix, und du sendest seit Stunden den Code an mich, damit du reinkannst.
Jetzt erst merke ich es, dass meine Knochen zitternd ihre eigene Kontur nachfahren, jetzt erst fällt es mir auf, dass meine Finger sich gegenseitig berühren, auch wenn ich sie mit Gewalt voneinander trenne. Ich merke es, während ich mein Handy heraushole, und unter deinen Anrufen, dein Profilbild von uns, du größer, höher, näher als ich - wie du das immer schaffst - unter deinen Anrufen, wenn ich scrolle, es sind siebzehn Stück, da tauchen die E-Mails auf von Netflix, und überall stehen Codes, und die Zahlen tauschen sich untereinander aus vor meinen Augen, sie spielen Feuerwerkskörper auf dem Display, und sie leben ein Leben in vollen Zügen in Lichterketten und Explosionsprismen.
Da hast du den Code.
Und dann gehst du in das Zimmer daneben, und schaust in voller Lautstärke Mad Men.
Ich kugle mich in die dunkle Ecke hinter der Tür, wo der Schuhdreck liegt, den wir bei spontanem Besuch dorthin kicken. Ich bin ein Hund, der Kleid trägt und für dich jault, wenn du bellst.
Wenn wenigstens die Orgel leicht genug gewesen wäre, oder der Bach tief genug.
Meinst du, das ist es, wovon Menschen reden, wenn sie Zuhause meinen?
Die kalten Ecken einer Wohnung, in die kein Licht fällt. Der Ton aus den überhitzten Lautsprechern deines Rechners. Ein Vogel auf dem Balkon, auf den wir selbst nicht passen, und er zwitschert, als würde er davon abhängen. Sich in die Welt reinschreien, aber du schreist dich nicht selbst hinein, sondern kauerst und schweigst und lässt es andere für dich machen.
Der Ring, den du von deiner Mutter bekommen hast, kostet mehr als ein Mensch, und ich frage mich, wann du ihn mir gibst, anlegst, umlegst, an derselben Stelle, vor dem Aquarium unter dem Lichtfall, wenn man den Staub hören kann, und dann gehöre ich dir – warum ich und keinen, den du liebst?
Erwürg meinen Keim und Samen mit
deinen Händen um meinem Hals kann ich besser atmen lernen.
Und dann sammle ich deine dreckigen Socken vom Boden auf, mache Wäsche und koche dein Fleisch, lasse mich schlagen (so etwas würdest du nie tun, wenn du es nicht VOR LUST TUN MÜSSTEST), und ich pflege alles ein in ein Fotoalbum, das nie jemand sehen wird.
Das war es, der Moment -
Dich kann ich nicht lieben!
aber ich tu’s.
Niemand nimmt dich in Schutz, außer ich.
Weil ich dich vor mir als kleines Kind mit Kaninchen spielen sehe (und du tötest sie nicht).
4
Ich träume davon, dass Metall schmilzt (und wie du es trinkst). Dann sinkst du mit verbranntem Blähbauch unter Rauch und Wolken gen Grund. Das helle Mark trieft dir aus der Brust und du bist ein Leuchtstern unter See. In deinen letzten Momenten wirst du zu dir finden müssen, wenn du dann ausbrennst im Wasserdampf.
Ohnehin ist aber alles gerade viel besser als sonst,
das muss man dir lassen,
du hast dich beim Reinkommen nicht sichtlich geschämt dafür,
wie ich draußen rumgelaufen bin.
Bestimmt können wir glücklich werden, wenn ich nur lang genug warte.



