Nachtschicht/Morgenglut
Es hat sich nicht versteckt, nun ausgeschaltet. Der Mond, der einst Wege stickte, wird jetzt berechnet: der Mond als Nachtschicht, als Scheinwerfer der Fabriken, als Werbefläche. Der Duft der Samen war nie für den Markt bestimmt. Trotzdem wächst er auf verletztem Boden, wächst ohne Erlaubnis im ausgebeuteten Sand. Ich suche an den Rändern, wo Wölfe nicht produzieren, wo Hunde nicht gehorchen, wo sich Verstecken noch wie Leben anfühlt. Der Mond duldet sie nur, wenn niemand zusieht. Samen breiten sich aus ohne Eigentum, ohne Barcode. Noch warme Spuren warten, während die Geschichte darauf besteht, sie unproduktiv zu nennen. Nebel, ein freundliches Wort für Rauch, die Maske des Fortschritts, eine Sprache, die Flüsse löscht und Gedichte über Verlust schreibt. Du wirst langsam verschwinden, sagen sie, so wie Wälder verschwinden: stückweise, mit Berichten, mit Uhren, die keine Geduld kennen. Mondlicht, du wirst wachsen wie eine Sonnenblume, verzogen vom giftigen Wind, auf der Suche nach einer größeren Kraft als Geld. Die Schatten lösen sich nicht auf. Sie werden verwaltet, verteilt nach Schichten, nach Vierteln, nach müden Generationen. Ein Morgen wird kommen, oranger als je zuvor, nicht wegen der Sonne, sondern wegen des fernen Feuers dessen, was man Entwicklung nennt. Ich will leben, nicht leisten, nicht funktionieren: leben ohne Nebel vor den Augen, jenseits der privatisierten Dämmerung, jenseits des Waldes als Zahl. Die Dunkelheit sinkt in erschöpfte Böden, in aufgebrochene Höhlen, in die Geschichten von Müttern und Vätern, die Überlebende für Leben hielten. Gelb ohne Blumen, ohne Namen, färbt meine Finger. Ich schreibe es in die Erde, wenn man mich lässt. Ich schreibe es in den Körper, wenn kein Papier mehr bleibt. Ich will leben. Und das ist in dieser Welt schon Widerstand
Ein Mond bedeckt von Rauch, grau und rot, will meinen Körper aus der Nacht löschen. Ich weine laut in den Ecken, wo Katzen winzige Regenbögen miauen, wo Schlangen von Reifengummi-Häuten träumen, die nicht passen, wo diejenigen, die nicht dazugehören, mit Feuer in den Blicken zielen. Der dunkelsatte Mond wiegt sie bewusst ein, dann lässt er sie nackt dem Morgen gegenüberstehen, ohne Monokel. Süße Früchte fallen auf sterilen Sand, fragen nicht, lassen nichts aus. Sie wachsen fuchsia, grün, orange, dort, wo niemand Toleranz erwartete. Orkanartiger Regen, Verschlinger nicht geschriebener Gedichte: du wirst verschwinden, du, alte Uhrenhand, und die Stunden der Gehorsamen, der wandernden Märtyrer unter fiktiven Regeln für Körper. Ich, allein, aufwachen, mit Haut von Licht tätowiert, mit Nägeln neu bemalt wie offene Nelken, ohne gefesselte Albträume in den Ohren. Auch wenn das Schauen wehtut, auch wenn fremde Anzüge, Röcke, junge T-Shirts, Latzhosen, Hüte schnüffeln, spionieren, beneiden, auch wenn die Nacht mir sagt, dass kein Platz ist, werde ich leuchtende Morgenglut.




