Dekubitus
Was geschah, hatte ich weder gewollt noch bedacht. Ich war ja noch ganz Kind damals; geplagt zwar von einer immer verrotzten Nase, sonst aber ohne Sinn für Krankheit und Gebrechen. Nicht den kleinsten Gedanken hatte ich daran verschwendet, dass Opa sich nicht bewegen konnte, hatte nur gerochen, wie er stank, gesehen, wie er vegetierte, hatte bemerkt, wie Oma ihn schweren Herzens ignorierte. Tagein, tagaus lag er in demselben Bett, die Hände über der Decke, die Augen wach, aber immer etwas verkniffen, als hätte er sich einen Splitter eingerissen. Aus seinem Mund kam hin und wieder ein liebes Wort, dann und wann ein merkwürdiger Atemzug, wie Wind, der im Herbst durch raschelnde Bäume fährt.
Ich war jung und dumm, unfähig, das kindliche Mitleid, das ich bei Opas Anblick empfand, zu artikulieren. Darum brachte ich es auf andere Weise zum Ausdruck; indem ich ihm allerlei Dinge ins Bett legte – immer dann, wenn niemand hinsah. Meinen MP3-Player zum Beispiel, den ich anschließend vorgab, im Schulbus vergessen zu haben, ein angebrochenes Päckchen Hubba Bubba, eine Überraschungseifigur, manchmal Blumen, die ich auf der kärglichen Wiese vor dem Haus pflückte.
Ich tat all dies in bester Absicht, ohne die geringste Ahnung, was Zeit anrichten kann, zumal mit Menschen, die ans Bett gefesselt sind, über die Kontinenzprofile erstellt werden, die im Sinne der modifizierten Norton-Skala als voll eingeschränkt gelten, die stets an der Schwelle zur Exsikkose stehen, die Opfer des Pflegenotstandes sind – wie Opa. Erst einige Jahre später erfuhr ich, dass Bettlägerige wie Pfannkuchen regelmäßig gewendet werden müssen, weil sie andernfalls hässliche Stellen bekommen, mit ihrer Umgebung verwachsen oder aber löchrig werden, mitunter so löchrig, dass ihre Knochen ans Tageslicht treten.
Darum war Opa, als er dann starb und vom Bestatter abgeholt wurde, mit all dem Zeug, das ich ihm heimlich unter die Decke geschoben hatte, eins geworden. Die Hubba Bubbas waren geschmolzen und hatten am oberen Rücken einen pink-klebrigen Hautlappen ausgebildet, mein MP3-Player sich tief auf Höhe der Nieren eingegraben. Margeriten und Klatschmohn schimmerten neben der Wirbelsäule wie florale Verzierungen an einer Menschensäule.
Opa starb halb Pflanze, halb Kaugummi.
Opa starb als Cyborg.
Opa starb an einem Dekubitus vierten Grades. Das Weichgewebe über seinem Steißbein hatte sich verabschiedet, der Knochen über Wochen freigelegen und eine Osteomyelitis ausgebildet – Sepsis. All das kam, weil der mobile Pflegedienst versäumt hatte, ihn wie einen Pfannkuchen zu wenden. Und Oma hatte im Nebenzimmern gesessen und wirkliche Pfannkuchen gegessen, obwohl sie die wegen ihres Diabetes gar nicht hätte essen dürfen. Sie starb ein Jahr nach Opa, vielleicht an den Pfannkuchen, vielleicht an ihrem schlechten Gewissen.
Bis heute denke ich, ob ich beide hätte retten können: Oma, indem ich auf ihre zuckrigen Pfannkuchen gerotzt, Opa, indem ich ihm statt der Hubba Bubbas einige Center Shocker ins Rückenmark gestopft hätte.




