gegenüber
Ihr fahrt in den Urlaub. Gemeinsam, eine Gruppe schon seit der 5. Klasse. Zuerst zu dritt, aber schon nach einigen Wochen zu viert, als Merle dazukam. Aus den Niederlanden kam sie mit ihren Eltern. Ein bisschen komisch hat sie gesprochen, aber das war euch egal. Sie gehörte dazu, war eine von euch. Bei ihr durftet ihr sogar übernachten, alle zusammen. Und bis 24 Uhr wachbleiben, weil ihre Eltern nicht so streng sind. Eine richtige Pyjama-Party, wie im Film. Auch in der Oberstufe habt ihr noch die gleichen Kurse belegt, wenn es ging. Gruppenchat auf WhatsApp, Gruppe erstellt 2018. Alle Admins, aber nie eine andere hinzugefügt.
Jetzt, nach dem Abi, euer erster gemeinsamer Urlaub, ohne Eltern. Nicht weit, nur vier Stationen mit dem ICE, von Hannover über Hamburg ans Meer. Aber trotzdem ein Abenteuer. Snacks und Spiele habt ihr dabei, damit es nicht langweilig wird. Und das wird es nicht. Ich sehe euch, bin schon vorher eingestiegen, höre mit, wie ihr erst UNO spielt, dann „Er ist eine 10/10, aber...“ und am Ende über die Jungs in der Klasse lästert. Wie laut sie sind, wie eklig, aber irgendwie auch cool und faszinierend. Wie ihr nie einen in eure Gruppe aufnehmen würdet.
Er ist eine 10/10, bezieht aber sein Bett nur alle vier Wochen neu. – Ihr lacht, eine sagt, das macht sie auch so, Empörung bei den anderen.
Er ist eine 10/10, kifft aber. – Ist euch egal, eine sagt, findet sie komisch. Das finden die anderen komisch.
Er ist eine 10/10, weint aber bei Liebesfilmen. – 11/10, ruft ihr.
Ihr seid so gut vorbereitet, dass es egal ist, dass eine von euch keine Sonnencreme dabeihat, dass es kein Problem ist, wenn in einer Tasche die Snacks ausgehen, weil drei andere aushelfen können. Ihr habt gelernt, wie man auf sich aufpasst. Habt gezeigt bekommen, wie man kocht, auch für vier Leute. Der Urlaub ist aufregend, klar. Aber ihr seid bereit, habt euch gegenseitig, braucht eure Eltern nicht mehr, vielleicht zieht ihr ja auch bald schon aus. Wer weiß, in dieselbe WG?
In Gedanken fahre ich mit euch in diesen Urlaub. Es sind Momente wie dieser, in denen es mir am meisten weh tut, nie ein Mädchen gewesen zu sein. Nie so eine Gruppe gehabt zu haben, nicht einmal die Chance auf eine. Es macht mich traurig, aber die Träne, die mir aus dem Auge kommt, trägt auch etwas Glück in sich. Dass ich euch zuhören darf, ab und an mal einen Blick herüberwerfen kann. Ihr zeigt mir, wie es hätte sein können. Was ich verpasst habe und was ich nicht gelernt habe. Was für euch anders – und ganz normal – ist.
Ich freue mich für euch. Ihr habt es verdient, auch wenn ihr nichts dafür getan habt. Ich gönne es euch, auch wenn es etwas ist, das ich nie haben werde und für das ich alles geben würde. Auch wenn ich es glorifiziere und die Schattenseiten ignoriere und mir sicher bin, dass ihr auch ganz andere Tage kennt als den ersten Urlaubstag. Aber ich fahre mit euch. Mit euch an die Nordsee und in das kleine Haus 25 Minuten vom Strand entfernt, weil es billiger war, in das kleine Haus, das Mama buchen musste, weil keine von euch 18 war, als ihr gebucht habt. Ich feiere mit euch den 18. von Merle, die mittlerweile akzentfreies Deutsch spricht und nur manchmal nach einem Wort sucht, das ihr lachend ergänzt. Ich feiere gemeinsam mit euch die Jugend, der ich nur zuschauen kann und dennoch versuche, sie zu schätzen und vielleicht sogar zu verstehen.
Jetzt tuschelt ihr. „Komm, die können wir fragen. Die ist safe nett.“ Ihr denkt, meine Kopfhörer sind auf Noise Cancelling. Ihr denkt, ihr nervt.
Ihr fragt: „Entschuldigung, können Sie mal ein Foto von uns machen?“
Klar, mache ich.
„Dankeschön. Und voll die coole Tasche übrigens.“
Danke, sage ich.
Und nachdem ihr ausgestiegen seid, fahre ich weiter. Ab jetzt für immer mit euch, und dann sage ich es nochmal:
Danke, dass ihr so laut wart.
Danke, dass ich für euch einfach irgendeine Frau im Zug mit cooler Tasche sein darf.
Danke.




