Ideales Vakuum

Charlotte Döhrmann

Vorspeise

Münster (Westf.)


In den Sekunden in denen wir
die Ränder vom Weißbrot schnitten

schien dein Chanel N°5 die Luft zu tragen als –
rollten wir das Brot um Lachs aus schwarzgoldener Folie
rauchig und fett schimmernd vor einem pfirsichfarbenen Hintergrund,
der frische Dill färbte den Sauerrahm mintgrün und wir rollten perfekt und makellos
als wäre das weiße ebene Holz eine Welt die mich trägt,

auch morgen,
und ich aß,
als deine seidene Haut sich wendete

ich aß
das wellenschlagende Loch das unfüllbarer war mit jedem Abend,
ich trank aus zu vollen Gläsern
deinen Luftblasen-Champagner
der mir das Blut ins Gesicht trieb bis jede Vorspeise
erbrochen war.


Turm

Mannheim


Ich schlief
vierzehn Jahre in einem Turm aus PVC, ich schlief undornröschenhaft
auf Kidneybohnen über den Dächern Mannheims
und hinter dem Fluss gab es vor allem
die BASF,
die Trockenbauwände durchlässig gegen die ständig schillernde Gischt
– ich schlief keine Nacht durch.

Mir träumte ich reiste zum Erdkern dabei war es nur das kleinste Teilchen (oder das größte? Das war seit dem dritten Semester dasselbe) Sedimente um Sedimente grub ich mich wälzte ich mich gleich erstarrtem Geschiebe in einer Art Querschnittsansicht. Wo aber war die Perspektive des Maulwurfs? Vielleicht ist er blind und ich soll nicht sehen sondern wühlen in den Engerlingen, mir träumte ich wär kein Schmetterling sondern eine gänzlich brummende Zweitagsfliege.

Spektakel dir deine Essstörung weg,
es riecht frittiert im Treppenhaus und niemand hat mir jemals Scones gemacht.

Und wenn ich erschöpft heimkam ging ich an deinen Bahnhofsgeräuschen vorbei in einen Tunnel aus schmutzigem Textil und zählte die Tauben die sich ein Nest zwischen den Stäben gebaut haben die sie für immer vertreiben sollten und dein City Döner wärmte die Augustnacht und auf seine Frage sagte ich

Nee bitte nicht scharf, meine Mutter
kochte nur milden
Lachs.

Denkmal

Künstler:innencampus irgendwo in Sachsen-Anhalt


Sind mir in den Lungen doch immer noch Spanreste und Lehmwände aus dem letzten Jahrhundert das wie ein vielarmiges gottloses Ungetüm zwischen uns steht in meinem schweren Körper meine Herkunft die nicht durch angelehnte Türen passt

vormittags versuche ich als Schwamm zu existieren und den ungeliebten Kaffee in mir aufzunehmen damit ich ihn als Denkmal ausspeie

und was wenns in einem sachsen-anhältischen Dorf einen Riss durch die Straße macht weil wir drauf gelaufen sind

und niemand will uns in Wände zwängen sodass unsre Luftschlösser die Tentakel ausstrecken
wie Schneeglöckchen im Februar


Vakuum

Künstler:innencampus irgendwo in Sachsen-Anhalt


aber was wenn sich das alles wiederholt, wir denken dran und keiner sagt was.

was wenn sich das nach innen stülpt, erst Rauch ausspuckt und wir dann auf dem Ruß tanzen müssen vielleicht zwischen den Stäben vielleicht, aber wir sind gezwungen von Minijobs zu reden

hier stand mal eine Stadt, in diesem Dorf in das kein Zug fährt, hier standen Soldaten und niemand sagt es.Umgeben von Menschen die sie sich in die Materie arbeiten, wir brachten unsere Sonnenbrillen die wir in einem anderen Leben im H&M geklaut haben und zwischen uns Dämmwolle aus einer Zeit, die näher zu rücken scheint.

Treffen ein Positron und ein Elektron aufeinander, kann eine Paarvernichtung (…) eintreten. In einem idealen Vakuum, in dem es keine Elektronen gibt, sind Positronen hingegen stabil.

In einem anderen Leben schrieb ich mal über die tausend Maschinen schrieb ich über die unsichtbaren Gesichter das leise Rauschen der Fließbänder mit Namenlosen

Materie sind nur Körper und schlechter Schlaf.

und wir brachten unsere Sonnenbrillen und ich wünschte das wäre das Ende der Welt aber wir müssen uns noch einige Jahre durch den Ruß wälzen und hier stand mal eine Stadt.

In einem anderen Leben schrieb ich mal über Liebe schrieb ich mal über Arme die um mich gelegt wurden und wir rannten nachts durch die Altstadt und vergaßen wo unsere Räder standen, ich schrieb darüber wie wir in den Dortmund-Ems-Kanal sprangen neben tierhaften Gerüsten und wir tauchten tief und lachten laut, ich hoffte auf Orangensaft in einem morgendurchfluteten Zimmer

aber wir besprechen Essiggurken und Anti-Materie beim Frühstück, weil jeder Banane alle 75 Minuten ein Positron entweicht

Menschen die sich in die Materie einarbeiten und nebenbei Minijobs machen, wir brachten unsere Sonnenbrillen und sie waren nur Traumreste.

und zwischen uns Dämmwolle.



Anti-Materie entweicht in gewisser Hinsicht jeder Banane in Form eines Positrons alle 75 Minuten.

Am Fenster klebt eine tote Fliege und ich sehe den schlechten Schlaf durch eure Kopfhäute. Vielleicht wäre das Positron das alle 75 Minuten aus jeder Banane kommt im idealen Vakuum stabil, wer weiß das schon, ich bin noch nicht mal interessiert am idealen Vakuum dabei behaupte ich immer nach Utopien zu suchen weil ich es ablehne mich im Ruß zu wälzen

kosmischer Weise ist die Anti-Materie positiv aber wir haben sie ja selbst so genannt, und die Schwalben fliegen hoch über den Dächern und die Krähen fliegen tief heute

und beim Versuch an das Kommende zu denken lädt sich ein Positron und ich drifte ins ideale Vakuum, und Utopie war nie ein solches,

vorne ledrig und hinten häutig
fliegen die Krähen tief heute



und wie tröstend dann das Dichten ist
zwischen Menschen die sich in die Materie einarbeiten
und ich hämmere nichts ins Holz und ich forme nichts mit den Händen
es sei denn ich bitte dich drum

ich müsste vielleicht was über morgen sagen aber wer will das schon

hier stand mal eine Stadt und manchmal findet man einen Pflasterstein der ein Stückchen davon enthält, und niemand will uns in Wände zwängen

Der geringe Widerstand scheint mir ein Positron, das jede Banane ohnehin alle 75 Minuten ausspuckt und in einem idealen Vakuum stabil wäre,

ich habe mich so daran gewöhnt gegenzugehen dass mir die offenen Felder fremd sind, die selbstgesetzten Gipfel lauern und ich rede mir Vieläugiges herbei um in Gesellschaft zu sein

diesen verdächtigen Frieden kontere ich mit meiner abrufbaren Einsamkeit

morgen ist unendlich unbestimmt und das ist
gut so


Text ohne Vater

Heidelberg


Wieder parzellförmig
in der Stadt mit der alternden Brücke



Ein fragiles Gleichgewicht, sagt er, und die Guppies ziehen Kreise.

Ich muss daran denken, wie wir auf diesem Kopfsteinpflaster taumelten, auf der Suche nach was, vielleicht war es veganes Schawarma, auf dem Kopfsteinpflaster taumelten wir zwischen den Prunkbauten, zwischen den oettingertrinkenden Burschis verlor ich dich, die Ratio umzingelte mich wie Männer den Scheiterhaufen.

Folgerichtig hast du gleich das Land verlassen auf deinem nektarinengesäumten Weg, ich blieb als Galionsfigur und sah die Wellen am vergangenheitsvernarrten Ufer schlagen:

Die Guppies kreisen geschäftig wie die Betrunkenen, geschäftig wie mein Germanistikprofessor der den Doktorandinnen unter anderem sein Genius einverleiben wollte und keiner was dagegen hatte außer dir die du mit

billigen Flipflops die an dir immer öko aussahen Olivenöl über Rapunzel-Nudeln gegossen hast als wäre das ein revolutionärer Akt

Wir alle hatten eine Vergangenheit und wollten nur mehr oder weniger drüber reden als die Sonne hinter das steinerne Geländer der Brücke sank, ich mit Höhenangst du mit ZuversichtWas du wohl sagen würdest wenn du mich sehen könntest wie ich mit blutunterlaufenen Augen der nächsten Deadline entgegentippe, weil die letzte Email wieder voll war mit leider und zahlreiche Einsendungen, und leider sind

unsere Luftschlösser meine geworden.

Im Erdgeschoss kreisen die Guppies, denn mein Nachbar hat ein neues Aquarium.Hin und wieder ein niedlicher Goldfisch, das ist ein fragiles Gleichgewicht, eklärt er und Recht hat er!, wie fragil auch nur jedes bananige Frühstück ist das einen kommentarlos existieren lässt, ein Morgen wo das Porzellan intakt ist und schweigt auf eine Aprikosenmarmeladen-Art,

und die Einsendungen zahlreich und einzeln wie die Kirschen am Kirschbaum

Die Algen und der Nährstoffgehalt, ein fragiles Gleichgewicht, ein kleines Biotop, sagt er, und lächelt liebevoll die Fischlein an und eine kleine Schnecke saugt sich an der Scheibe fest,

ich kreise traurig um mich selbst und das hasse ich,

und die Blüten des Kirschbaums sind Kirschen geworden, die Guppies schwimmen hübsch herum, blaurot, du guckst auf mich hinab und rot und rund hängen die Äste so tief diesen Sommer der früh ist,

vielleicht zu früh für Nektarinen

und ich wusste schon immer dass die Schönheit des Utopischen in seiner Zerbrechlichkeit liegt

und wenn draußen endlich die Schwalben fliegen suche ich noch

den Text ohne Vater

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Foto © Simon Mensger

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